Sascha Lobo

Dass es mir nicht leicht fällt, fünf Bücher auszuwählen, liegt an meinem Lieblingsverhalten. Es mag den Begriff Lieblingsverhalten (also wie man sich zu Lieblings-Wasauchimmer verhält) bisher nicht geben, aber das ist vielleicht Teil des Problems. Um das zu erklären, muss ich ausholen. Weit. Das Motto von fuenfbuecher.de heisst ja: „Welche fünf Bücher bedeuten dir soviel, dass du sie nicht mehr hergeben würdest?“ Das ist sehr geschickt gefragt, weil es den kitschig-kindlichen Begriff Lieblingsbuch umschifft, aber inhaltlich voll abbildet. Denn auf den ersten Blick, auf den ersten Gedanken hin hat praktisch jeder fünf Bücher, die ihm die Welt bedeuten. Oder aber: zu einem bestimmten Zeitpunkt bedeutet haben. Und da liegt die erste Sollbruchstelle.

Mein Lieblingsverhalten – von dem ich lange dachte, es wäre selten, dann aber bemerken musste, dass es total middle of the road ist – ist bei sämtlichen Kulturgütern phasal. Ich weiß gar nicht, ob es das Wort phasal überhaupt gibt, aber wenn man schon ein erfundenes Wort erklärt (Lieblingsverhalten), dann bietet es sich geradezu an, dafür ein anderes erfundenes Wort zu verwenden, nämlich phasal, das hier natürlich „in Phasen“ bedeutet. Im Lauf der Jahre hatte ich schon zehn Dutzend Lieblingsbücher, mindestens. Eigentlich, ehrlicherweise, müsste ich sogar sagen, dass mein Lieblingsverhalten situativ ist. Was bedeutet, dass ich jedes Mal, wenn ich überlege, welche Lieblingsbücher ich überhaupt habe, auf andere Ergebnisse komme. Mit Liedern ist es genauso, ich bin ein total volatiler Charakter offenbar, OMG. Am eindrücklichsten habe ich das mal nachts an einem Strand in Spanien gemerkt, wo ich auf meinem Musikabspielgerät eine Miniplaylist hatte, die nur aus zwei Songs bestand, nämlich „Waiting in vain“ von Bob Marley und „Got til it’s gone“ von Janet Jackson. Ich habe sie allein am Strand, nur akkompaniert von einer Flasche gefühlt teuren Rotweins die ganze Nacht hindurch gehört, mit Kopfhörern auf voller Lautstärke. In diesen Stunden hätte ich nicht bloß diese beiden Lieder als absolute All-Time-Favourite Lieblingslieder bezeichnet, sondern geschworen, dass es sich um die größten Kompositionen aller Zeiten und Welten gehandelt hätte, wenn ich mich richtig erinnere, war der Entschluss am Nachtstrand schon gefasst, mir die brillanten Textzeilen auf den Körper tätowieren zu lassen. Am nächsten Mittag, nach dem Aufwachen, erschien mir der eine Song schmalzig und der andere beliebig. Von meiner eigenen emotional-kulturellen Unzuverlässigkeit verstört, wenn nicht angewidert, verbrachte ich den Tag an einer Heliotrop-Blüte riechend, mit meinem Lieblingsblumengeruch also.

Mit Büchern bin ich auch ohne Alkoholeinfluss ähnlich situativ. Regelmäßig wird man als Autor nach seinem Lieblingswerk gefragt, und dann antworte ich in der Regel mit einem Werk, das ich a) einigermaßen gut kenne (was bei einem mittelschlechten Gedächtnis einiges bedeutet und keinesfalls gleichzusetzen ist mit „schon gelesen“) und das b) möglichst wenig Nachfragen oder gar Begründungwünsche generiert. Erfahrungswert: je Klassiker, desto Nichtfrage. Wenn das – was bei mir häufiger passiert – als zu platt empfunden würde, bietet sich ein großartiger Trick an. Man nehme einen superbekannten Superklassiker-Schriftsteller. Und gebe als Lieblingsbuch aber nicht dessen Großwerk an, sondern ein eher unbekanntes oder gleich erfundenes. Es werden keine Nachfragen kommen, aber man kann als abseits des Bildungsmainstream hochintellektuell und kenntnisreich glänzen („Goethe, und zwar seine Farbenlehre! Wissenschaftlich völlig falsch natürlich, aber grandios welterkennend hergeleitet“).

Als Conclusio dieser weitläufigen Erklärung kann ich also nun sagen, dass die folgenden fünf Bücher diejenigen fünf favorisierten Bücher sind, die ich an einem sonnigen, aber kalten Novembertag auswählen würde. Schon zwei Kaffee später würden es andere gewesen sein, aber das Leben besteht ohnehin aus ungelenk verknüpften Momentaufnahmen, dem Bemühen, aus diesen Momentaufnahmen schlau zu werden und das Analyseergebnis anschließend irgendwie vermittels verschiedener Ablenkungs- und Betäubungsmittel zu bewältigen. Dann stirbt man oder kurz vorher schon.

Das unbekannte Buch

Und gleich der erste Titel der fünf ist auch noch ein Reinfall, bzw. völlig unkonkret. Es ist nämlich kein Buch, sondern eher eine Art Denkmal für alle Bücher, die schemenhaft geblieben sind und Lieblingswerke hätten werden können. Aber irgendwie nicht geworden sind. Wenn man damals nur die Kraft gehabt hätte, zum Beispiel, das in einem Akt des vor sich selbst Angebens angefangene „Du côté de chez Swann“ im französischen Original zu Ende zu lesen und nicht nach fünfzig Seiten und zwei zerschlissenen Lexika wegen der Entwicklung einer Proust-Allergie aufgehört hätte – dann. Oder dieses andere Buch mit orangenem Linnen bezogen, im Urlaub, hart an der Grenze zum Schund, aber an der richtigen Seite der Grenze; eine Art Sternenkrimi aus den fünfziger Jahren, der Umschlag war verloren, der Titel war nicht aufs Buchcover geprägt, daher nicht mehr erinnerlich. Das erste der fünf Bücher ist also ungefähr, als würde man auf den Proust-Fragebogen bei der Frage nach dem Lieblingshelden in der Geschichte „Der unbekannte Soldat“ sagen.

Arbeit und Struktur

Arbeit und StrukturDieses Buch von Wolfgang Herrndorf ist eigentlich ein Blog, zu finden unter wolfgang-herrndorf.de. Kathrin Passig und ich haben Wolfgang dieses Blog aufgeschwatzt, das er inhaltlich zuvor in einem nichtöffentlichen Forum aufschreiben wollte. Der Text gehört zum eindrücklichsten, was ich jemals gelesen habe. Wenn man das Buch liest, lässt sich die Entstehung zumindest erahnen. In „Arbeit und Struktur“ sind auf Wolfgangs Wunsch auch Textteile zu finden, die er nicht ins Netz gestellt hat. Und abgesehen vom Buch zeigt das Blog, wozu es Blogs überhaupt gibt.

Autor: Wolfgang Herrndorf

Bei buchhandel.de: Buch

An Essay Upon Projects

An Essay Upon ProjectsDaniel Defoe kennt natürlich jeder als Verfasser von „Robinson Crusoe“. Weniger bekannt ist, dass er selbst auch eine Art Abenteurer war. Nicht so sehr der Sorte Crusoe, eher wirtschaftlich betrachtet. Lange vor seinem literarischen Welterfolg 1719 (der ihm satte 50 Pfund einbrachte und seinen Verleger reich machte) schrieb er einen längeren Aufsatz mit dem Namen „Upon Projects“ (1697 als Büchlein veröffentlicht). Er spürt darin dem Projektemacher nach, dem Typus Mensch, der mit neuen Geschäftsideen die Welt revolutionieren, mindestens aber reich werden möchte. Je tiefer seine witzige und offensichtlich auch selbstreflektierte Beschreibung geht, desto mehr stellt sich das Gefühl ein, dass es schon Ende des 17. Jahrhunderts genau die Leute gab, die heute von New Economy bis Finanzkrise für ungefähr alle Crashs und Krisen verantwortlich sind. Defoe selbst hatte einen Recht projektorientierten, schillernden Lebenslauf: er sollte Priester werden und arbeitete stattdessen als Wein-, Woll- und Tabakhändler, Handelskaufmann, Gründer einer Ziegelei, Herausgeber einer Zeitschrift, Journalist, Geheimagent, Zibetkatzenzüchter (um Parfum herzustellen), Kirchenkritiker, Gefängnisinsasse (woraus er sich befreite, indem er für die Gegenseite zu spionieren anfing) sowie natürlich als Schriftsteller. Ein Vorbild.

Autor: Daniel Defoe

Bei buchhandel.de: Buch

Der ewige Spießer

Der ewige SpießerEin unbekanntes Buch, ein Blog, ein uraltes Buch – kommt jetzt wenigstens endlich mal was vernünftiges? Ja. Es kommt mein Lieblingsbuchfavorit, seit vielen Jahren schon eigentlich eine Konstante im Lieblingsbuchreigen. Unter anderem, weil man einen besseren Vornamen als Ödön von Horváth man schon mal gar nicht haben kann. Ödön. Ich weiss nicht mehr ganz genau, wann ich dieses Buch zum ersten Mal las, aber es war in einer schwierigen emotionalen Gesamtsituation, es kann sich also nur um die Jahre 1991, 1992, 1993, 1995, 1997, 1998, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2008 oder 2009 handeln. Das Buch bescherte mir damals die beste halbe Stunde des dazugehörigen Jahres. Der Grund dafür ist einfach: „Der ewige Spiesser“ von Ödön von Horváth, ein Kurzroman aus dem Jahr 1930, enthält den lustigsten Satz der Literaturgeschichte. Ich muss wiederum etwas ausholen und erläutern, dass mich der Begriff „Bohème“ seit vielen Jahren verfolgt, er gärte praktisch in meinem Kopf innen drin, bevor er sich dann in einem auch für mich überraschenden Seitenschlot 2006 heftig entlud und gemeinsam mit Holm Friebe zur Entwicklung des Begriffs „Digitale Boheme“ für unser Buch „Wir nennen es Arbeit“ führte. Dementsprechend heftig habe ich bei der Lektüre des Buchs reagiert, als auf Seite 181 kurz hintereinander erst der Begriff Bohemien und dann sofort der lustigste Satz der Literaturgeschichte auf mich einstürzte, ich erinnere mich doch wieder, es muss im Herbst 2004 gewesen sein, ich saß mit einer perfekt temperierten, also kondensiertaubildenden Flasche Augustiner in der abgewracktesten Strand- bzw. viel mehr Stegbar Berlins, dem Club der Visionäre, las diesen Satz und alles war gut. Eventuell hat mich dieser Satz gerettet, denn ich war damals in desolater Stimmung und brauchte den monatlichen Weltvorrat an Selbstmitleid in der Regel in drei bis vier Stunden ganz allein auf. Der Satz aber riss mich jählings heraus, ich bekam wieder Luft, der Himmel klarte auf, die Nacht wurde warm und der ganze folgende Tag strahlte golden über meinem Kopf bis heute. „Soziologisch betrachtet, stammte er aus k. u. k. Offiziers- und Beamtenfamilien, aber er hatte nie was übrig für das Bürgerliche. Er war der geborene Bohemien. Bereits 1905 ging er ohne Hut.“ Bereits 1905 ging er ohne Hut – das Spiel ist aus, lustiger kann es nicht mehr werden.

Autor: Ödön von Horváth

Bei buchhandel.de: Buch

Mythos der Maschine

Mythos der MaschineDas letzte Buch ist exemplarisch zu verstehen. Es könnte auch „Das Zeitalter der Nervosität“ von Joachim Radkau da stehen oder „Mensch und Menschmaschine“ von Norbert Wiener, aber es ist halt Mumford. Exemplarisch deshalb, weil ich bei der Beschäftigung mit der digitalen Welt in den letzten Jahren – insbesondere seit dem großen Erfolg der sozialen Medien – immer stärker in die jüngere Geschichte der Technologie gerutscht bin. Es ist bestürzend bis erhebend, je nach Perspektive, wie viel von der vermeintlich völlig neuen Welt des Internet schon lange, lange zuvor gedacht und durchdrungen wurde. „Das war doch klar“, entgegnen dann Schlaumeier, aber das war überhaupt nicht klar. Im Gegenteil, viele der Parallelen sind eben nicht so offensichtlich, dass sie irgendwie „klar“ wären. Mumford wird ab und an als Kulturpessimist bezeichnet (stand auf Wikipedia, hab ich aber noch nie ernsthaft gehört), aber das ist er natürlich nicht. Im Gegenteil eigentlich, er baut eine Idee der Maschine auf, die sich von der Technologie weitgehend ablöst und als Prinzip mit der Gesellschaft verschmilzt. Das Buch fängt vergleichsweise zäh an, ist in der Mitte etwas zäh, bevor es zum Schluss hin an Zähigkeit kaum abnimmt. Dafür ist es vollgestopft mit klugen Gedanken, Erklärungen, Parallelen zu Globalisierung und zur digitalen Vernetzung (das Buch ist von 1967). Die Bücher, die hier auch stehen könnten, umfassen zum Beispiel Manuel Castells „Das Informationszeitalter“ oder, etwas interessanter als aufschlussreich, „Der Zukunftsschock“ (1970) von Alvin Toffler. In dieser Blaupause des leicht alarmistischen Plaudersachbuchs habe ich etwas gefunden, was nichts weniger ist als die Vorhersage von Hackergruppen oder auch einer sozialen Gruppierung wie Anonymous: „Wir können mit neuen Subkulturen rechnen, die sich mit Weltraumforschung, Lasertechnik … Computer-Spielen und dergleichen befassen. Auch das Entstehen von Freizeitkulturen, die sich gegen die Gesellschaft richten, zeichnet sich bereits am Horizont ab, fest organisierte Zusammenschlüsse von Leuten, die die Errungenschaften der Gesellschaft nicht aus materiellen Gründen, sondern nur, um aus Spaß ‚das System zu schlagen‘, in Frage stellen. … Solche Gruppen könnten versuchen, in Computervorhaben von Behörden oder einzelnen Firmen herumzupfuschen“.

Autor: Lewis Mumford