Michael Seemann

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Michael Seemann studierte Angewandte Kulturwissenschaften und wurde früh in’s Internet gesogen. Vorher gelang es ihm aber gerade noch so ein paar Bücher zu lesen. Jetzt, als postprivater Internetmensch, hat er seine Aufmerksamkeitsspanne auf den Konsum seines Twitterstroms konditioniert. Doch zwischen dem Befüllen diverser Blogs, seines Twitter-Accounts und dem Aufnehmen des Podcasts schreibt er sogar Artikel für allerlei Papiermedien und hält Vorträge bei körperlicher Anwesenheit. Und manchmal, wenn der Akku in seinem Kindle leer ist, klickt er sich noch ein Papierbuch bei Amazon oder steht vor seinem Regal und fragt sich, welche Bücher ihn wohl am meisten geprägt haben. Die, die er hier vorstellt sind gewissermaßen autobiographisch und sagen mehr über ihn aus, als ihm lieb ist.

Michael Seemann

Kindergeschichten

Bichsel erzählt Märchen aus dem Leben von nur scheinbar normalen Menschen. Im Grunde ist es gerade die Normalität, gegen die sie terroristische Anschläge verüben. Einer will den Beweis am eigenen Leib erfahren, dass „die Welt rund ist“ und fängt an, seine Weltreise zu planen, in der er immer geradeaus geht. Wieder einer ist davon gelangweilt das der Tisch „Tisch“ heißt und beginnt die Worte einfach auszutauschen. Die Figuren suchen nach Wahrheit hinter der Fassade der Gewöhnung; bis sie die tragische Erkenntnis ereilt: Wahrheit, wenn sie exklusiv ist, macht einsam. Es war meine erste Beschäftigung mit Philosophie.

Autor: Peter Bichsel

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The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Ich schäme mich auch nicht als zweitausenddröfzigster dieses Werk zu benennen. All die schrägen Technologieideen, all die wahnsinnigen Charaktere und der Humor, der das Weltall als die Parodie der Gegenwart begreift und ihr damit den Schrecken nimmt. Das ganze Buch – die ganze Reihe – ist eine philosophisch-ironische Dekonstruktion von jenem Pathos, das einen immer wieder ergreift, wenn man über die Zukunft spekuliert. Es bewahrt einen sowohl vor Resignation als auch vor Übermut. Für mich ist es die Anleitung zur Demut mit einem Lächeln.

Autor: Douglas Adams

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Gödel, Escher, Bach

Hofstadter versucht Konzepte aus Mathematik, Kunst und Musik miteinander zu verschränken, die alles andere als trivial sind. Kurt Gödel, der noch im Rahmen des Wiener Kreises zeigte, dass jedes hinreichend mächtige, formale System, nicht im Stande ist, seine Vollständigkeit zu beweisen, steht dabei im Mittelpunkt. Alles läuft darauf hinaus, dem Leser diesen komplizierten mathematischen Beweis in vielen kleinen Schritten nahe zu bringen. Daneben wird gezeigt, wie Bachs Sonaten nach rekursiven Prinzipien arrangiert sind und die Kunst M.C. Eschers mittels optischer Paradoxien „Strange Loops“ zitiert. Durch dieses Buch fand ich zur Kybernetik und schließlich zur Systemtheorie.

Autor: Douglas R. Hofstadter. Übersetzer: Philipp Wolff-Windegg, Hermann Feuersee.

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Dem Archiv verschrieben

Nachdem Derrida die politischen und juridischen Dimensionen des Archivierens abgesteckt hat, begibt er sich erst einmal auf Freuds Spuren und gleichzeitig auf die der Freudforschung. Derrida setzt das Forschen über Freud: den Menschen, den Juden, den Wissenschaftler in eine psychonalytische Beziehung zum „Geist“ Freuds. Dem Geist aus dem Archiv. Jüdische Identität, Patriarchat, Psychoanalyse, Archäologie und – schon damals in den 90ern – die archivalische Beschleunigung durch die digitalen Medien prallen hier aufeinander. Die Grundfrage: Wie determiniert die Struktur des Archivs das Archivierte und vica versa? All mein Denken zum Thema Internet wird seither vom Geist Derridas heimgesucht.

Autor: Jacques Derrida

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What Technology Wants

Kelly fügt die gesamte Genese menschlicher Technologieentwicklung in den Prozess der Evolution ein und zeigt, wie sich hier wie dort Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen ähneln. Das „Technium“ – so nennt er die Gesamtheit der von Menschen geschaffenen Technologie – sei eine Evolution der Evolution. Das Technium „will” sich diversifiziren, “will” komplexer werden, “will” ubiquitär werden, ganz so, wie jeder andere Strang evolutionärer Entwicklung auch. Was mich an diesem Buch und überhaupt an Kelly fasziniert, ist die wahnsinnige Höhe der Vogelperspektive, die er einnimmt. Aus ihr heraus wirken die Diskurse, die wir bisweilen um Probleme und Lösungen von Technologie führen geradezu kleinlich und stattdessen werden die großen Linien sichtbar. Dieses Buch hat mein Nachdenken über Technologie nachhaltig verändert.

Autor: Kevin Kelly

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