153. Fünf Bücher von Marion Voigt

Als Lektorin lese ich acht Stunden am Tag, Minimum. Geschichten, die noch nicht zwischen zwei Buchdeckel passen; Texte, die für eine Öffentlichkeit bestimmt sind, gedruckt oder digital. Das mache ich seit sechzehn Jahren im Alleingang, immer gut vernetzt. Ich verbinde Verlag und Autor, Text und Leser. Im Hinterkopf Duden und Co, im Sinn den besonderen Tonfall, die angemessene Form – und die Lust am Lesen.

Sunwise Turn. Zwei Buchhändlerinnen in New York.

Dieses Buch entdeckte ich in einem anderen Buch, als ich beim Lektorieren einem Literaturhinweis nachging. Er führte zu einer amerikanischen Originalausgabe von 1923, die noch unübersetzt war. Bei einem Antiquar in New York bestellte ich den Titel als Reprint und nur vier Tage später lag mein Exemplar im Briefkasten. Ich las darin von zwei Frauen, die sich ihren Traum von einer Buchhandlung erfüllten und in Manhattan einen lebendigen Ort der Inspiration schufen. Ein Glücksgriff. Ich suchte und fand eine Übersetzerin und eine Verlegerin dafür. Heute gehört die deutsche Ausgabe zu den Schätzen in meinem Bücherregal.

Autorin: Madge Jenison. Übersetzerin: Ariane Böckler.

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Die unendliche Geschichte

Ein Junge kommt in ein Antiquariat und klaut ein Buch. Es enthält rot und grün gedruckten Text mit ganzseitigen Initialen und handelt von den vergessenen Träumen der Menschen. Bastian rettet Phantásien und damit sich selbst. Mir verschaffte Michael Endes Zauberbuch mit dem rotseidenen Einband einen Ausbildungsplatz als Buchhändlerin. Leni Saul sei Dank. Manche Bilder und manche Sätze daraus begleiten mich wie gute Bekannte. Und sooft ich ein neues Buch aufschlage, erfasst mich dieselbe feierliche Stimmung wie Bastian auf dem staubigen Speicher und die Hoffnung, etwas vom »Wasser des Lebens« darin zu finden.

Autor: Michael Ende.

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Ulysses

Fünf Jahre hat Hans Wollschläger an der Übersetzung dieses Buchs gearbeitet. Assistiert von Fritz Senn, der sich bis heute als Leiter der James-Joyce-Stiftung Zürich mit Joyce’ Werk beschäftigt und über den Ulysses gesagt hat, er sei »im Grunde ein ganz provinzieller Roman«. Auf den tausend Seiten meiner Dünndruckausgabe breitet sich jener 16. Juni 1904 aus und als Sortimentslehrling folgte ich darin über Monate hinweg Leopold Bloom durch Dublin, neugierig und gespannt. Vor neunzig Jahren veröffentlichte die legendäre Sylvia Beach den Roman im Verlag ihrer Pariser Buchhandlung Shakespeare and Company. Ein Leseabenteuer.

Autorin: James Joyce. Übersetzer: Hans Wollschläger.

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Der Richtplatz

Im Oktober 1987 stellte Tschingis Aitmatow mit seinem Übersetzer in Nürnberg sein eben auf Deutsch erschienenes neues Buch vor. Die von beiden signierte Ausgabe erinnert mich an diesen Herbst, zwei Jahre bevor der Eiserne Vorhang fiel, als ich begann, Slawistik zu studieren. Aitmatow war im Westen populär und als Kirgise einer der Vorzeigeschriftsteller der Sowjetunion, Gorbatschow nährte mit der Perestrojka vorsichtige Hoffnungen auf ein Ende des Kalten Kriegs. In dieser Aufbruchzeit wirkte der philosophisch-politische Roman mit seinen gleichnishaften, tragischen Bildern von menschlicher Deformation, Gewalt und Naturzerstörung wie ein leuchtendes Signal: Es liege in unserer Hand, die Verhältnisse zum Guten zu wenden. Übrigens erschien fast zeitgleich die DDR-Übersetzung von Charlotte Kossuth unter dem Titel Die Richtstatt.

Autor: Tschingis Aitmatow. Übersetzer: Friedrich Hitzer.

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Extrem laut und unglaublich nah

Der neunjährige Tamburinspieler Oskar und 9/11 – das Buch reizte mich überhaupt nicht. Edith zuliebe fing ich an zu lesen. Oskar redet und redet. Er redet um sein Leben, diese Gewissheit schleicht sich ein. Es geht um das Verlieren in seiner schrecklichsten Form. Oskar trifft sich darin mit seinem totgeglaubten Großvater, der als Reaktion auf seinen eigenen furchtbaren Verlust den umgekehrten Weg wählte, das Schweigen. Als die beiden sich eines Nachts zum Grab von Oskars Vater aufmachen, treibt der Roman auf einen Höhepunkt zu, dramatisch verstärkt durch die Typografie. Über zwanzig Seiten schmilzt der Zeilendurchschuss dahin, zuerst unmerklich, bis schließlich die Buchstaben ineinanderfließen. Zu lesen ist da nichts mehr, und doch wird alles klar. Ein Meisterwerk.

Autor: Jonathan Safran Foer. Übersetzer: Henning Ahrens.

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