145. Fünf Bücher von Alexandra Tobor

Alexandra Tobor war eine Kindheit im kommunistischen Polen beschieden. Umgeben von Wellblech, Beton und Tristesse blätterte das blasse Mädchen im magischen Quelle-Katalog ihrer Oma, bis die Familie 1989 nach Deutschland auswanderte. Ihr schriftstellerisches Debut, die Migrationsgroteske „Sitzen vier Polen im Auto“, handelt von den ersten Jahren im Westen und ist gerade im Ullstein-Verlag erschienen. Dem deutschen Netzpublikum ist Alexandra als Slacker-Ikone @silenttiffy und zornige Bloggerin bekannt. In unregelmäßiger Folge betreibt sie „Knust“, einen audiovisuellen Quatsch-Podcast über die seltsamsten Werke der Kunstgeschichte.

Alexandra Tobor

Das Buch der Unruhe

„Leben heißt Strümpfe häkeln, nach fremden Vorgaben. Dabei aber sind die Gedanken frei, und alle verzauberten Prinzen können sich in ihren Gärten ergehen, zwischen den Maschen, die der Widerhaken der Elfenbeinnadel eine um die andere aufnimmt.“ Mit Fernando Pessoa erlebte ich zum ersten Mal das Glück, mich in einem anderen Menschen zu erkennen. Der Hilfsbuchhalter Soares, der mir in freischwebenden Fragmenten seine ebenso ankerlosen Gedanken über Einsamkeit, Poesie und das Leben zwischen den Zeilen offenbarte, zeigte mir mit jedem Satz das schillernde Potenzial meiner Schwächen. Wir, die kaum zu mehr in der Lage sind, als zu träumen, zu schreiben und zu schlafen, sind zwar abgetrennt vom „wirklichen“ Leben, den Menschen entfremdet und im Zimmer allein, doch gewinnen wir dadurch Zugang zur eigentlicheren Wirklichkeit der Gefühle und Gedanken. Alles fesselt uns, nichts kann uns halten. Und in dieser Distanz zur Welt können wir Dinge sehen, die anderen verborgen bleiben. Das Buch der Unruhe ist ein Manifest der Melancholie, und sein empfindsamer, unglücklich-glücklicher Verfasser der beste Freund, den ich je hatte.

Autor: Fernando Pessoa. Übersetzer: Albert Caeiro, Inés Koebel.

Bei amazon: Buch

Die Brüder Karamasow

Da ich aus dem katholischen Milieu komme, ist Religion mir nicht fremd. Weil ich aber selbst nie glauben konnte, war sie mir stets ein Rätsel. Ich habe schon viele Bücher über den Glauben gelesen, kenne die Argumente für und gegen ihn, kenne Gottesbeweise und Gotteswiderlegungen, die Verbrechen der Kirche und ihre Verdienste, aber die Antworten, oder vielmehr die Fragen, nach denen ich vergeblich suchte, fand ich in aller ersehnten Ausführlichkeit in Dostojewskis Meisterwerk. Welche ethischen Konsequenzen hat es, woran wir glauben? Verdient es der Zweifel, in allen Situationen die überlegene Geisteshaltung zu sein? Wie weit kann Wissenschaft die Menschheit bringen? Aufgeworfen und teilweise beantwortet werden diese Fragen von den ungleichen Brüdern Karamasow, die im Spannungsfeld zwischen intellektuellem Atheismus und tiefem, christlichen Glauben stehen. Alle drei haben eine problematische Beziehung zum Vater, der (un-)moralisches Handeln verkörpert. Die Charaktere sind so lebendig, psychologisch stimmig und faszinierend, dass man sich auf ihre unterschiedlichen Positionen zu gerne einlässt. Ich liebe dieses Buch für seine Macht, unsere Gewissheiten herauszufordern.

Autor: Fjodor M. Dostojewskij. Übersetzer: Hans Ruoff, Richard Hoffmann.

Bei amazon: Buch | E-Book

A Tree Grows in Brooklyn

Denke ich an Romane über Armut, kommt mir Sozialkitsch in den Sinn. Gelesen von denen, die keinen Mangel leiden, auf der Suche nach sich ziemender Betroffenheit. Literatur also, die schaurig genug ist, dass sie mit Distanz gelesen werden kann, oder aber solche, die auf die Pelle rückt, vorwurfsvoll und anklagend ist, dadurch Ablehnung erzeugt und macht, dass man über das Thema nichts mehr lesen möchte. Ganz anders ist diese Geschichte, erzählt aus der Sicht des sensiblen, einsamen Mädchens Francie, das in armen Verhältnissen aufwächst, aber früh die Macht der Bücher und der Sprache entdeckt, die ihr später helfen wird, über die Grenzen, die ihre soziale Herkunft zieht, in ein besseres Leben zu schreiten. Wie gut es tut, ausnahmsweise nicht den üblichen Armutsklischees zu begegnen. Die Hauptfiguren, Mitglieder der irisch-amerikanischen Familie Nolan, sind weder dumm, noch gewalttätig, noch asozial, sondern werden als denkende und fühlende Menschen mit Stärken und Schwächen gezeigt, die im Rahmen ihrer beschränkten Chancen das bestmögliche Leben führen wollen. Dieser gleichsam in poetischer wie präziser Sprache geschriebene Entwicklungsroman strotzt vor soziologischer Anschaulichkeit und steckt überdies voller Weisheit, Schönheit und Liebe.

Autorin: Betty Smith

Bei amazon: Buch | E-Book

Sandberg

„Piaskowa Góra“ heißt die Plattenbausiedlung, in der Dominika aufwächst, ein Mädchen mit „Zigeunermähne“, das ganz anders aussieht als ihre slawischen Eltern und deren rebellische Natur sich dem krankhaften Konformismus der polnischen Nachkriegsgesellschaft entzieht. „Sandberg“ ist ein literarisches Porträt dieser Gesellschaft, beobachtet mit Facettenaugen, denen kein Knick, keine Falte entgeht, seziert mit Werkzeugen der Kulturwissenschaft, gemalt mit überbordender, sinnlicher, bildhafter Sprache. Bator kriecht in die Köpfe der Plattenbaubewohner, führt uns hinter die Fassade des Katholizismus, zerstückelt die Illusion der Nation aus einem Guss und saugt uns in den Alltag der „Volksrepublik Polen“: In die winzigen Wohnungen, die mit leeren Plastikflaschen westlicher Pflegeprodukte dekoriert sind, in die Trostlosigkeit kommunistischer Architektur, mit den Bergleuten hinab in den Schacht, in den Strudel aus Ängsten und Träumen von Menschen, deren Mentalität sich bis heute kaum verändert hat. Ein sprachgewaltiges, kaleidoskopisch schillerndes Stück Literatur!

Autorin: Joanna Bator. Übersetzerin: Esther Kinsky.

Bei amazon: Buch

Der helle Horizont

„Und dessen war Fredek sich nicht sicher, ob er imstande wäre, eines Tages zu sich selbst zu sagen, nun geh ich los. Ob sich dieses ganze Dorf, diese Felder, Wiesen, Kühe, der Vater, die Mutter, der Tod nicht an seine Beine hängen würden.“ Über den Horizont hinaus, das wollen und können die wenigsten. Die Pro7-Klamauk-Clips „Deutsche Welle Polen“ haben Mitte der 1990er Jahre die hiesigen Vorstellungen von meiner Heimat zementiert: Uferlose Öde karger Felder, gelegentlich von einem Strommast oder einer Kuh unterbrochen, ein hoffnungslos unwirtliches Gebiet für Kultur, Bildung und alles, was man sich im Westen stolz auf die Fahnen schreibt. Es hat uns wütend gemacht, wenn man uns anhand solcher Vorurteile abwertete, denn wir sahen uns als Kulturvolk, unsere Sprache war phantastisch und reich, unser Land stolz auf seine Künstler und Literaten. Einer unserer besten, Wiesław Myśliwski, erzählt in „Der helle Horizont“ von einer Kindheit und Jugend in Oberschlesien, kurz nach dem Krieg. Es ist eine faszinierende Studie des polnischen Bauernmilieus und der eigenen psychischen Landkarte, wo Erinnerungen, Vorstellungen und Träume zusammenfließen. Die Wucht und Schönheit, das ins Poetische und Surreale greifende seiner Sprache sind ein Beispiel für die Imaginationskraft unserer Dichter, die gerade im Ländlichen die besten Bedingungen gefunden haben, ihre Empfindsamkeit in Kunst zu verwandeln.

Autor: Wieslaw Mysliwski. Übersetzerin: Roswitha Matwin-Buschmann.

Bei amazon: Buch | E-Book