Olaf Plotke

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Olaf Plotke ist Journalist und Autor kulinarischer Bücher. Als Chefredakteur des „Gourmand Magazine“ beleuchtet er alle zwei Monate Entwicklungen der internationalen Koch- und Weinbuchszene. Er hat sechs eigene Bücher veröffentlicht und war an zehn weiteren als Autor beteiligt. Sein Buch “Teller-Gerichte: Oder Gastrosophie mit dem Hammer” wurde sogar als „Second Best Food Literature Book in the World“ mit dem Gourmand World Cookbook Award ausgezeichnet. Olaf ist ein echter Genießer und das macht sich auch in seiner „Fünf Bücher“-Auswahl bemerkbar. Fast erstaunlich, dass dennoch nur eines der Bücher eine kulinarische Seite hat!

Olaf Plotke

Es muss nicht immer Kaviar sein

Johannes Mario Simmel wird sicher zu Unrecht in eine Ecke mit Konsalik gestellt. Denn Simmel ist ein echter Gigant. Und dieses Buch muss jeder lesen, der Essen, Trinken und Genießen liebt. Das sagte mir mein Ko-Autor Heiko Vanselow (mit dem ich „Die Pilgerküche auf dem Jakobsweg“ geschrieben habe) und ich griff eher widerwillig zu dem Buch, weil ich Simmel genau wie viele andere eher für „Schund-Literatur“ hielt. Weit gefehlt. Dieses Buch ist genial. Eine spannende, packende und irrwitzige Geschichte, die in den 30er, 40er und 50er Jahren spielt. Und der Protagonist Thomas Lieven ist der bessere James Bond. Er ist ein echter Kenner. Beim Essen, Trinken und bei den Frauen. Seine Waffen: Charme, Intelligenz und Kochkunst. „Es muss nicht immer Kaviar sein“ ist ein Genuss. Und wenn man die Rezepte im Buch nachkocht, kann man das Buch auch am Esstisch genießen.

Autor: Johannes Mario Simmel

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Justine oder die Leiden der Tugend

Die Bücher von Marquis de Sade sind echte Grenzerfahrungen. Der Autor führt uns in seinen Büchern in eine Welt, die wir uns kaum vorstellen können. Und deren Vorstellung wir beim Lesen fast nicht ertragen können. „Die 120 Tage von Sodom“ ist m.E. kaum lesbar. Es ist zu grausam, zu abstoßend. Aber dort wie auch in „Justine“ wird deutlich wie ein totalitäres System funktioniert, wer profitiert und wer darunter leidet. Marquis de Sade war ein Vertreter des Adels – man kann vermuten, dass er wusste, worüber er schrieb. Letztlich verstehe ich die Werke von de Sade als Warnung davor, Menschen zu viel Macht zu geben – denn sie kann das unbändige Tier in uns zum Ausbruch bringen. Wer „Justine“ liest, der muss auch „Juliette“ lesen. Es ist eigentlich ein Doppelroman: Zwei Schwestern, die versuchen, im absolutistischen Frankreich zu überleben – die eine moralisch, die andere amoralisch. Wer am Ende das bessere Leben hatte, muss der Leser selbst entscheiden. Zuvor muss er aber durch die Hölle menschlicher Fantasien. Die, und das ist die wahrlich schockierende Wahrheit, vermutlich sogar Wirklichkeit war. Damals im absolutistischen Frankreich. Aber man kann befürchten, dass sich zwar das System geändert hat, die Mächtigen aber noch immer so sind wie sie hier sind bei de Sade.

Autor: Marquis de Sade. Übersetzer: Raoul Haller.

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Mein Name sei Gantenbein

Ich finde alle Bücher von Max Frisch genial. Aber dieses Buch ist für mich sein größtes. Was Frisch hier macht, ist nahezu unbeschreiblich. Zumindest für mich. Es geht um einen Mann, der Geschichten wechselt wie andere Menschen Hemden. Er imaginiert sein Leben. Immer wieder neu, modifiziert in Details, in Personen, in Umständen. Das ist an sich schon ein genialer Ansatz. Aber jeder Schriftsteller wäre daran gescheitert, hätte er nicht die erzählerische Klasse die Frisch hat. Das Buch ist ein wilder Ritt, ein Kaleidoskop an Möglichkeiten, in dem man sich selbst verfängt, sein eigenes Leben reflektiert und zweifellos fragt: „Was wäre wenn…“ Die Antwort darauf gibt Frisch. Am Ende, in den letzten 14 Zeilen. Es ist das überraschende Ende einer atemberaubenden literarischen Achterbahnfahrt. Und dieses Ende gibt dem ganzen Buch eine völlig neue Wendung. Bitte nicht vorher lesen – nur im Kontext des ganzen Buchs entfaltet sich die Genialität dieser letzten Zeilen!

Autor: Max Frisch

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Also sprach Zarathustra

Kennen Sie das Gefühl, ein Buch genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen zu haben? Oder das Gefühl, ein Seelenverwandter spräche zu Ihnen? Für mich war das bei diesem Buch so. Es war eine Erweckung als ich es 1994 zum ersten Mal las. Ich dachte, dass das genau meine Gedanken seien, obwohl ich natürlich nie in der Lage gewesen wäre (und wohl auch nie sein werde) sie in eine so schöne, ausgefeilte Sprache zu kleiden. Ich glaube, Nietzsches Zarathustra begeistert auch, wenn man seine Thesen ablehnt oder inhaltlich gar nichts versteht. Denn die Sprache ist so unglaublich schön – man kann sich daran gar nicht sattlesen. Und es ist sicherlich das ungewöhnlichste philosophische Buch, das es gibt. Keine trockene Theorie, sondern die Geschichte eines Weltweisen auf der Suche. Wonach, soll hier nicht verraten werden. Der Roman zum Leben, zum Fragen und zur letzten Erkenntnis.

Autor: Friedrich Nietzsche

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Die Bibel

Ich bin Atheist und da mag diese Wahl überraschen. Aber wenn ich auf die berühmte einsame Insel nur ein Buch mitnehmen dürfte, ich würde „Die Bibel“ wählen. Es ist für mich das größte Buch von allen. Ich kenne kein Buch, das so viele spannende, lehrreiche, verzwickte und wunderschöne Geschichten beinhaltet wie dieses. Man lese nur das „Hohelied“ – eine schönere Liebeserklärung ist wohl nie in Wörter gefasst worden. Oder das Buch Rut, das uns sehr deutlich den Unsinn von Fremdenhass vor Augen führt oder die Geschichte eines Revolutionärs, der seinen nach Aufstand schreienden Mitbürgern eine sensationelle Botschaft bringt: „Wenn Dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch noch Deine linke hin.“ Die Bibel ist ein zutiefst ehrliches Buch, denn es zeigt wie die Menschen waren und bis heute sind: gütig, neidisch, verliebt, missgünstig, solidarisch, machtgeil, tolerant, neurotisch, liebend, eifersüchtig und und und. Das Einzige, was ich nicht verstehe: Wie kann ein aufmerksamer und verständiger Leser dieses Buchs ein gläubiger Christ (oder Jude) sein?

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