77. Fünf Bücher von Dana Buchzik
Dana Buchzik freut sich, wenn es anstrengend wird und studiert deshalb im Mordor Niedersachsens Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus. Das Internet ist ihre Fortbildung in Kalauerdesign und der Ort, an dem sie ihr Herz austragen kann.

Ausgewählte Gedichte: Zwei Reden
Meine Einstiegsdroge. Vielleicht habe ich erst mit Celan verstanden, welche Wucht Sprache entwickeln kann, wie binnen weniger Zeilen das Tiefste angerührt wird, nicht immer kitschfrei, natürlich, so wie kein Gefühl kitschfrei ist. Celans Lyrik und Reden sind ein Erlebnis, das ich am liebsten jedem verschreiben, aufzwingen möchte. Weil es sich so sehr lohnt.
Mit dem Gedicht “Zähle die Mandeln” kam ich zum Schreiben; mein Pseudonym ist eine Hommage. Ich wollte kein Umriss mehr sein, sondern mich mit Worten füllen.
“Zähle,
was bitter war
und dich wachhielt,
zähl mich dazu”
Autor: Paul Celan
Unter Mardern
Lendles Prosaminiaturen waren Pflichtlektüre im ersten Semester und ich war: hingerissen. Kleine Geschichten, Reisen ins Absurde, Reisen in die Fremde eines neuen Tags. Metaphern, so weit das Auge reicht, und doch nicht abgehoben, nicht kaltschnäuzig, sondern offen- und warmherzige Einladung in eine Welt, in der man gern verloren geht. Ich habe es seither unzählige Male gelesen und jedes Mal neue Details gefunden, neue Blickwinkel, neue Freude über die Räume, die Lendles Sprache eröffnet.
Autor: Jo Lendle
Die Stille ist ein Geräusch
Das einzige Buch, das ich von Juli Zeh
ertragen empfehlen kann, allerdings mit Nachdruck. Eine Reise durch Bosnien, vorweg dieselben Fragen, wie sie auch schlechte Journalisten stellen – “Warum war dort Krieg?” und “Wer hasst wen und wie sehr?” – hier aber gibt es keinen Antwortzwang. Zeh nimmt sich weder aus noch zu wichtig, kommt den Menschen nah, die ihre Geschichten erzählen, geht in der Landschaft auf und behält doch ihren ganz eigenen Ton, poetisch und klar. Nichts Reißerisches, kein Malträtieren der Tränen- oder sonstiger Drüsen. Stille lesen, das funktioniert. Ziemlich gut sogar.
Autorin: Juli Zeh
Orangen sind nicht die einzige Frucht
Es gibt Bücher, die man zwischen zwölf und achtzehn liest, Bücher, die man für wahnsinnig bedeutsam hält und derer man sich schämt, wenn man sie in den Zwanzigern noch einmal anfasst. Machen wir uns nichts vor: Jeanette Winterson schlägt gern über die (Metaphern-)Stränge. Bedeutung (für mich) hat sie dennoch, weil sie eindrucksvoll und nie belehrend über die Härten des frei werdens schreibt. Jess wächst in einer fanatisch-christlichen Sekte auf, nicht einmal die Schule besuchen darf sie, weil nichts jenseits der Gemeinde heilig genug ist. Ihr Ziel ist vorbestimmt: sie soll Missionarin werden. Wer Jess nur ein paar Zeilen lang erlebt, ahnt, dass die Eltern mit Schwierigkeiten rechnen müssen. Sie verliebt sich in eine Freundin, der ultimative homosexuelle Supergau, und der scheinbare Halt der Gemeinschaft verkehrt sich ins Gegenteil: sie wird verstoßen, muss auf sich allein gestellt weiterleben und begreift langsam, dass das Denkmuster aus Strafe und Schuld, mit dem sie groß geworden ist, eine Lüge ist: “Das hier war nicht das jüngste Gericht, sondern ein neuer Morgen.”
Autorin: Jeanette Winterson. Übersetzerin: Brigitte Walitzek.
Extrem laut und unglaublich nah
Ich habe mich lange dagegen gesträubt, dieses Buch zu lesen, das ist doch Mainstream, schnaubte ich empört, wenn jemand wagte, davon zu sprechen oder gar zu schwärmen. Eine Freundin, die mich besser kennt als ich, schenkte es mir zu guter Letzt; ich blätterte aus Höflichkeit ein bisschen darin herum und plötzlich reckte Oskar, der neunjährige Protagonist, seinen Kopf aus den Seiten und zerrte mich tiefer hinein. Wehren war zwecklos. Oskar begab sich mit mir auf eine Reise durch eine unüberschaubare Stadt, auf eine Spur, die ihn seinem jüngst verstorbenen Vater näher bringen sollte. Ein Abenteuer, das in den Hintergrund rückt angesichts Oskars schillernder Persönlichkeit: ein herrlich altkluges, charmantes, witziges Kind, das mich mit seiner Treuherzigkeit tatsächlich zum Weinen gebracht hat.
Autor: Jonathan Safran Foer. Übersetzer: Henning Ahrens.
Bild: C Pierre Horn