104. Fünf Bücher von Christiane Frohmann

Als Kind ließ sich Christiane Frohmann einmal in der Woche von ihrem Vater zur Leihbücherei fahren, um mit einer Kofferraumfüllung Büchern nach Hause zurückzukehren. In den Ferien las sie sich durch die obskure Bibliothek ihres Großvaters, wo Klassiker neben Reader’s Digest Auswahlbüchern und christlicher Esoterik standen. Um auch als Erwachsene sozial akzeptiert rund um die Uhr lesen zu können, studierte sie zunächst Literaturwissenschaft, arbeitete dann als Lektorin und gründete zuletzt den Verlag eriginals berlin, wobei sie die leseintensivsten Bereiche »Programmleitung« und »Lektorat« natürlich mit sich selbst besetzte.

Christiane Frohmann

Die Brüder Karamasow

Leidenschaft ist das Thema dieses Romans: religiöse, intellektuelle, erotische und neidische Hingerissenheit, verkörpert durch die titelgebenden Brüder: Dmitri, Iwan, Aljoscha – und Smerdjakow. Ihr Vater Fjodor Pawlowitsch Karamasow ist eine dämonisch-groteske Gestalt mit in der Weltliteratur einmaligem Unterhaltungswert: Eckhard Henscheids »tückischer Greis« Hans Duschke aus Geht in Ordnung – sowieso – - genau – - – verdankt ihm ebensoviel wie Disneys Dagobert Duck. Immer wenn ich diesen Roman lese, wünschte ich, ich wäre Russin, allerdings nicht, weil ich das Schicksal der Frauenfiguren bei Dostojewski so erstrebenswert finde, sondern weil ich den Roman gern im Original lesen würde.

Autor: Fjodor M. Dostojewskij. Übersetzerin: Swetlana Geier.

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Der Proceß

Dieses Buch lese ich mindestens einmal im Jahr –hätte ich ein besseres Gedächtnis, würde ich es längst auswendig kennen. Dabei ist es weniger Josef K.s Im-falschen-Film-Sein, das mich fasziniert, sondern das Wie der Sprache, das papierene Deutsch Kafkas. Bei jedem Neulesen hat sich das Buch für mich verwandelt, finde ich weitere in Gebärden aufgelöste Sprachbilder. Der Proceß ist für mich so etwas wie ein literarisches Wimmelbild.

Autor: Franz Kafka

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Die Erziehung des Herzens

Eigentlich erzählt Flauberts Roman vom Scheitern: von Desillusionierung, verlorenen Lieben, verpassten Gelegenheiten, vertanen Möglichkeiten. Dies tut er aber sprachlich so wundervoll und emotiv, dass der Leser – zumindest gilt dies für mich – genau die umgekehrte Erfahrung des Beschriebenen macht und beim Lesen Erfüllung findet. Und so stimmt beides: Flauberts Roman ist, wie Sartre sagt, eine »Jämmerlichkeit, in Marmor gemeißelt« und, wie Woody Allen eine seiner Filmfiguren sagen lässt, »einer der Gründe, die das Leben lebenswert machen«.

Autor: Gustave Flaubert

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Die gelbe Tapete

Ich wurde nicht eben mädchentypisch erzogen, deshalb lese ich (vermutlich noch mehr als andere Frauen) aus einer männlichen Perspektive, quasi mit »Täterblick«. – Wer will schon eine schöne Leiche sein? Dies hat es mir lange Zeit erschwert, mich in feministische Fragestellungen hineinzudenken. Charlotte Perkins Gilmans beklemmende Gothic Tale von 1899 hat das geändert. Beim Lesen habe ich buchstäblich am eigenen Leib zu fühlen bekommen, wie im bürgerlichen Zeitalter Frauen zu Objekten und Symbolen mortifiziert worden sind. Die Erzählung liest man am besten in Kombination mit dem Essay Why I Wrote The Yellow Wallpaper (1913). – Gender-unabhängig kann man aus der Geschichte eine Menge über die Erstarrung in sozialen Rollen lernen.

Autorin: Charlotte Perkins Gilman. Übersetzer: Alfred Goubran.

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The Cocka Hola Company

Die Beschreibung »Roman über eine Pornoproduktionsfirma« löste bei mir unwillkürlich die Erwartung aus, gewollter Unkonventionalität und kalkuliertem Tabubruch zu begegnen, sprich: mich tödlich zu langweilen. Weit gefehlt, dieses Buch hat mich komplett umgehauen, ist und bleibt mein wichtigster Roman der Naughties, denn Matias Faldbakken hat mir darin plausible Bilder für mein Denken und Fühlen geliefert, auf die ich selbst im Traum nicht gekommen wäre. Ich stimme dem Chor der Rezensenten zu, die sagen: wie Houellebecq, nur weniger verspannt und viel komischer.

Autor: Matias Faldbakken

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