Thomas Mosch

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Thomas Mosch ist 1965 geboren. Kurz darauf veröffentlichten die Beatles die Langspielplatte „Help!“. 1970 trennte sich die Gruppe, seitdem lebt Thomas in Berlin. Nach sorgloser Schulzeit studierte Thomas teils eigenartige, teils überraschende Fächer an wechselnden Universitäten, um später in kleinen und großen Unternehmen zu arbeiten. Alle Jobs hatten etwas mit Computern und Internet zu tun, selten aber etwas mit den Beatles. Nebenbei kauft Thomas seit 30 Jahren antiquarische Bücher, durchschnittlich eines pro Tag, bevorzugt Erstausgaben. Einige dieser Bücher hat er sogar gelesen. Gleichwohl hat Thomas es bis in die Geschäftsleitung von BITKOM gebracht, einem nicht ganz einflusslosen ITK-Wirtschaftsverband in Berlin-Mitte, bei dem er der allseits geachteten Tätigkeit des Lobbyisten nachgeht. Die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der Beatles hat er bis heute nicht aufgegeben.

Thomas Mosch

Das Tal der Abenteuer (1953)

Das Buch meines ersten Lebensjahrzehnts. Auch wenn moderne Mütter bei Enid Blyton heute die Stirn runzeln: Dieses Buch hat mich zum Leser gemacht. Ich war acht oder neun, als ich fasziniert von diesem Buch die Nachmittage auf dem Bett lesend verbrachte anstatt wie sonst Fußball zu spielen. Ich wollte so sein wie der kluge und verantwortungsvolle Jack. Aber auch wie Philipp, der so gut mit Tieren umgehen konnte. Und ich wollte eine Schwester (oder eine Freundin?) haben wie Lucy, die hübsch war, aber beschützt und getröstet werden musste. Nur Dina fand ich langweilig. – In dieser Geschichte steigen die vier Kinder versehentlich in ein falsches Flugzeug und müssen sich dann in einem entlegenen Tal mit einer Verbrecherbande auseinandersetzen. Zum Schluss gewinnen natürlich die Kinder und Jacks Papagei Kiki macht lustige Sprüche, über die ich damals – ich erinnere mich genau – Tränen gelacht habe.

Autorin: Enid Blyton. Übersetzerin: Annette von der Weppen.

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Die neuen Leiden des jungen W (1973)

Das Buch meines zweiten Lebensjahrzehnts. Ich hätte auch das Original von Goethe an diese Stelle setzen können. Beides war Schullektüre und beides habe ich zunächst eher widerwillig gelesen. Doch langsam fing ich an zu verstehen und war bald darauf wie elektrisiert: Das war ja ich! War doch auch ich – wie vermutlich alle anderen Fünfzehnjährigen auf der Welt – gerade unglücklich verliebt. Rasch lernte ich mit meinem besten Freund ganze Abschnitte der Bücher auswendig. Wir zitierten sie pathetisch, wenn wir nachts durch die Straßen und Parks Berlins liefen und beklagten unser Schicksal. Doch Werther und Edgar Wibeau gaben uns Orientierung. Sie wurden Fixpunkte unseres Erwachsenwerdens. Und nebenbei wurden mir beide Bücher zum Symbol einer Jungenfreundschaft, die so vertraut und innig war wie später keine mehr wieder in meinem Leben und die dennoch kurz danach auseinanderbrach.

Autor: Ulrich Plenzdorf

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Pariser Romanze: Papiere eines Verschollenen (1920)

Das Buch meines dritten Lebensjahrzehnts. Das Buch fiel mir um 1985 eher zufällig in die Hände. Seitdem habe ich es wohl mindestens zehn Mal gelesen. Es hat den traurigsten letzten Satz, den ich kenne: „Und so habe ich sie gar nicht ein allerletztes Mal gesehen.“ Der kurze, autobiographisch gefärbte Roman beschreibt in Briefform die unerfüllte Liebe eines jungen Deutschen im Pariser Sommer 1914, den er am Rande einer internationalen Bohème verlebt. Der erste Weltkrieg zerstreut die Freunde bald darauf und macht sie zu Soldaten und Gegnern. Der Autor Franz Hessel lebte selbst von 1906 bis 1914 in Montparnasse und war eng mit Henri-Pierre Roché befreundet, der später über eben diese Freundschaft den Roman „Jules und Jim“ schrieb, den wiederum der Film Francois Truffauts weltberühmt machte. Die „Pariser Romanze“ ist eine wehmütige Reise durch eine untergegangene Hauptstadt Europas. Noch heute suche ich bei jedem Paris-Aufenthalt die Schauplätze des Romans auf und trinke den teuren Milchkaffee im Café du Dôme. Dort um die Ecke wohnt heute noch ein Sohn Franz Hessels, der 95-jährige Stéphane, der mit seiner Schrift „Empört Euch!“ eine ganz andere Geschichte geschrieben hat.

Autor: Franz Hessel

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Die Ausgewanderten (1991)

Das Buch meines vierten Lebensjahrzehnts. Das Buch habe ich zum ersten Mal 2001 gelesen, als die Zeitungen über den tragischen Unfalltod W.G. Sebalds in England berichteten. Dort gilt er heute vielen als wichtigster deutschsprachiger Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Schon auf den ersten Seiten des Buches irritierte mich trotz der bisweilen barocken Satzlänge die bis dahin nicht gekannte Klarheit und Sachlichkeit der Sprache. Sebald erzählt die Lebensgeschichten von vier heimatlosen Menschen und verdeutlicht anhand dieser vier tragischen Einzelschicksale die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Besonders die melancholische Geschichte „Ambros Adelwarth“ verstörte mich zutiefst. Sebald ergänzt zudem seine Texte mit Fotografien, die beim Lesen stark verunsichern – sind das nun fiktionale oder dokumentarische Texte? Für mich bleibt Sebalds Buch wohl meine irritierendste Leseerfahrung. Vor seinen Formulierungen gehe ich auch heute noch in die Knie. Nur einmal so ein Deutsch schreiben können.

Autor: Winfried G. Sebald

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Wiedersehen mit Brideshead (1945)

Das Buch meines fünften Lebensjahrzehnts. Noch so ein melancholisches Buch. Aber ein ganz fantastischer Roman, ein Buch fürs Leben. Evelyn Waugh (ein Mann übrigens) erzählt von der anfangs arkadischen Freundschaft zweier junger Männer im Oxford der Zwanziger Jahre. Der Ich-Erzähler Charles Ryder lernt durch seinen exzentrischen Studienkollegen Sebastian Flyte auch dessen reiche, adlige Familie kennen und beobachtet über Jahre hinweg deren unaufhaltsamen Niedergang; ein britisches Buddenbrooks also, nur viel zu Herzen gehender geschrieben. Charles‘ Liebe zur Schwester des Freundes scheitert an ihrer katholischen Erziehung, Sebastian selbst geht an Drogen zu Grunde. Jeder, dem ich das Buch lieh, gestand mir später, beim Lesen geweint zu haben. Sebastian Flyte ist für mich eine der liebenswertesten und tragischsten Romanfiguren überhaupt. Und Teddybären können nach der Lektüre des Buches nicht mehr anders als Aloysius heißen.

Autorin: Evelyn Waugh. Übersetzer: Franz Fein.

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