Ralph Kühnl

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Ralph KühnlRalph Kühnl stammt aus Ludwigshafen, fühlt sich als Mannheimer, lebt an der Bergstraße. Bekam Geld fürs Eishockeyspielen, studierte Geschichte, schloss BWL ab. Er schrieb sich durch diverse Tageszeitungsressorts, browste mit Lynx durchs Netz, hatte Netscape 1.0 auf dem Rechner und macht seit 20 Jahren Journalismus beim Regionalfernsehen, erst öffentlich-rechtlich, dann privat, nulldreißig bis dreißig. Er dreht, schneidet, textet, moderiert, bloggt, twittert und ist auch sonst überall dabei. Er mag Kirscheplotzer.

Für “Fünf Bücher” arbeitet er nicht seinen aktuellen Bücherstapel ab, sondern reist zurück zu Büchern, die persönliche Episoden erzählen.

Fünf Freunde auf der Felseninsel

Fünf Freunde auf der FelseninselWie gerne wäre ich dabei gewesen. Einmal ein Abenteuer mit den fünf Freunden erleben! Die “Felseninsel” war die Einstiegsdroge. Es war ein vergilbter, angefledderter Band mit Textilrücken aus einer Kinderbücherkiste meiner Mutter. Das erste “richtige” Buch, das ich als Erstklässler las. Vor der Schule, nach den Hausaufgaben und vor dem Einschlafen. Julian, Dick, Anne, George und Timmy wurden meine erste peer group. Und nicht nur meine. In unserer Straßenräuberclique versuchten wir die Geschichte nachzuspielen, fanden aber nur selten echte Höhlen, verlassene Tunnel oder verschwörerische Wanderzirkusse. Statt dessen mussten offene Straßenbaugruben herhalten oder unser kleines Lager, das wir im Gebüsch hinter dem Spielplatz gebaut hatten, auf dem wir eigentlich gar nicht spielen durften, weil der Spielplatz zu einem Mietshaus gehörte, in dem wir gar nicht wohnten. Aber Sabine D. wohnte da, und wenn einer gefragt hätte, warum wir da spielen, hätten wir gesagt, dass Sabine gerade nur schnell ein Eis holt. Jedenfalls. Wir streiften tagelang durchs Viertel und warteten darauf, dass uns ein Abenteuer widerfährt. Mindestens eins mit Entführern und Lösegeld und so. Es kam aber keins. Und einen berühmten, strubbelig-vergeistigten Onkel Quentin hatten wir auch nicht, und ins Internat durfte natürlich auch keiner von uns. Irgendwann immerhin besaß ich alle 23 damals verfügbaren Bände der “Fünf Freunde”. Einen davon hatte ich sieben Mal gelesen, und meine Eltern hatten sich dazu breitschlagen lassen einen Hund anzuschaffen, der natürlich “Timmy” hieß. Dass es ein Schäferhund-Weibchen war, ignorierten wir einfach. Ich wünschte mir, dass Timmy sich zu meinen Füßen einrollte wie Timmy es bei George tat. Das wollte meine Mutter aber nicht. Und ohnehin lag der Schäferhund lieber in seinem Körbchen. Dafür ging aber ein anderer Wunsch in Erfüllung: Ich besaß eine Uhr “mit Leuchtziffern”. So eine wie die, auf die Dick immer schaute, wenn er ein Abenteuer erlebte. Ich war ein Fanboy.

Autorin: Enid Blyton. Übersetzer: Werner Lincke

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Homo faber

Homo faberIch mochte Walter Faber. Zumindest am Anfang. Irgendwie knurrig, geradeaus, technologiegläubig. Vor allem technologiegläubig. Zwar auch arrogant und überheblich, aber er hatte es im Griff. Glaubte er zumindest. Was danach kam, konnte ich in der Schule noch nicht so richtig nachvollziehen. Vielleicht bekam ich eine Ahnung von dem Kontrollverlust, den das Leben zuweilen mit sich bringt. Aber das ist es nicht, was das Buch für mich zu einem von fünf Büchern macht. Die “Hermes Baby” ist der Grund. Hermes Baby? Genau. Es ist die Schreibmaschine, auf der Faber seinen Bericht schreibt. Woher ich das weiß, mehr als 25 Jahre nach der Lektüre in der Schule? Unser Deutsch-Lehrer, der unter vielen Aspekten zu den besten seiner Zunft gezählt haben dürfte, pflegte Tests zu schreiben, mit denen er sicherstellte, dass die Bücher aus dem Unterricht tatsächlich gelesen wurden. Und tatsächlich lautete eine der Fragen: “Welches Schreibmaschinenmodell benutzt Faber?” Es ist eine Hermes Baby. Schaut es nach. Es stimmt. Hundertprozentig. Doll, gell? Und doch ist genau das so tragisch. Denn während ich in dieser Schulphase lernte, Bücher so zu lesen, dass ich mich an jedes ihrer Details erinnern konnte, verlernte ich das Bücherlesen. Ich entwickelte einen Auswendiglernzwang, der mir für lange Zeit das Lesen vergällte. Monk’sche Anwandlungen, die ich auch noch beibehielt, als ich das Abi längst in der Tasche hatte. Namen, Dialoge, Details – ich versuchte mir ein Buch zu merken, anstelle es zu genießen. Irgendwie technokratisch, fast wie Faber. Anstrengend zumindest. Deswegen, all Ihr Deutschlehrer: Lasst Eure Kinder nicht solche Tests schreiben. Interessiert sie irgendwie anders für Bücher. Lasst Euch etwas einfallen. Das ist Euer Job. Aber schreibt keine Wissenstests über die Schullektüre. Der Erfolg ist nur kurzfristig. Langfristig zerstört er.

Autor: Max Frisch

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Faust

FaustFaust. Ich habe nie verstanden, warum wir ihn in der Schule nicht gelesen haben. Wir hatten statt dessen Schiller, Don Karlos. Naja. Den Faust habe ich mir dann zur Grundausbildung bei der Bundeswehr mitgenommen, nur aus einem einzigen Grund: Ich wollte mein Hirn in Bewegung halten. Dieses Befehlsdings war und ist nicht meins, und wie leicht hätte ich verweigern können. Aber man sagte mir, ich solle die Grundausbildung machen, danach wäre ich eh in der Sportfördergruppe und hätte mit dem Bund genau genommen nichts mehr zu tun. Was stimmte. Also biss ich mich durch die Grundausbildung, und ich erlebte Dinge. Zum Beispiel einen Stabsunteroffizier, der in einer dieser frühen Unterrichtsstunden morgens um sieben über Kampfstoffe referierte. Und er sagte: “Also, vor dem Stoff misst ihr eisch in Acht nemme.” (Er sprach Monnemerisch.) “Wann ihr den abkriegt, dann kriegt ihr so än Druck uff die Bruscht. Also so am Herz, verschdeht ihr? Des hääßt also: Ihr kriegt Druckerscheinunge.” Und er blickte in seine Unterlagen, und er griff zur Kreide, und er schrieb an die Tafel: “T-R-U-G-E-R-S-C-H-E-I-N-U-N-G-E-N”. Drei von uns hoben den Finger um sicherzugehen: “Herr Stabsunteroffizier, meinen Sie eventuell Trugerscheinungen, im Sinne von Halluzinationen?” “Ahjo, doo, habters g’hert? Die Abiduriende kenne des Wort.” Und genau deswegen, und nur deswegen, wohnte in diesen drei Monaten der Faust mit mir auf der Stube.

Autor: Johann Wolfgang von Goethe

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Limit

Limit1328 Seiten. Mir war nicht klar, dass man so viele Seiten zu einem einzigen Buch zusammenbinden kann. Dünnes Papier, kleine Schrift. Ich weiß, dass nicht jeder “Limit” für ein gutes Buch hält. Die vielen Seiten haben ihren Grund. Es gibt Längen, ohne Frage. Möglicherweise hätte die Hälfte des Umfangs gereicht, um die Geschichte zu erzählen, die nach schier unglaublichen Phantastereien zugegebenermaßen eine vergleichsweise banale Auflösung findet. Und doch: Ich finde den Roman brillant. Und darin nicht einmal den Mondaufzug-Weltall-Teil. Was mich faszinierte, war der Ausblick auf die Urbanität der Zukunft. Die Skizze Shanghais im Jahr 2025 aus der Sicht des Jahres 2009. Nicht nur, dass Schätzing von autonomen Fahrzeugen schreibt, die den Individualverkehr revolutionieren und die jüngst ihre erschreckend reale Entsprechung im Google-Car fanden. Er beschreibt eine Gesellschaft, die nicht mehr in arm und reich unterscheidet, sondern in “vernetzt” und “nicht vernetzt”. Wer nicht vernetzt ist, lebt im Slum. Nur die Vernetzten haben die Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg. Information ist die Währung des Wohlstandes. Es geht um Blogger, um Überwachung, um Datenklau. Geschrieben in einer Vergangenheit, die noch keine NSA kannte, sondern die Überwachung in China ansiedelte. 2009, als der Roman erschien, da war er nachgerade schmerzhaft aktuell. In Rückblenden aus dem Jahr 2025 referenziert er auf den eben erst gewählten Barack Obama als amerikanischen Präsidenten und reflektiert für uns als Leser top-aktuelle Konflikte mit der Distanz von 16 Jahren. Man sollte sich Limit in den Schrank stellen und 2025 noch einmal nachschauen, was aus der Vision geworden ist.

Autor: Frank Schätzing

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Leopard

LeopardIch fiel so hinein. Ich hatte zu Weihnachten ein Kindle geschenkt bekommen, und Amazon verschenkte E-books. Jeden Tag eins. Ich lud sie herunter, risikolos. Perfekt, um auszuprobieren, wie gut man so ein Kindle eigentlich würde leiden können. “Leopard” war mein erstes E-book. Ich las hinein und las weiter und las immer und immer weiter, jede freie Minute eines Winterurlaubs hindurch. Es hat sich gelohnt. Das Kindle und das Buch.

Autor: Jo Nesbø. Übersetzer: Günther Frauenlob & Maike Dörries.

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