140. Fünf Bücher von Matthias Wagner

Matthias Wagner, Vater von vier Töchtern, ist Autor des Romans Wolkenbruch und des frisch geborenen Blogs Hirnstromern. Er lebt in vergnüglicher Entfernung vom städtischen Treiben auf den Höhen des Schwarzwaldes und bewirtschaftet mit seiner Familie unter engagierter Mithilfe von Eseln, Zackel, Ziegen, Katzen und Hund einen Bauernhof. Hauptberuflich arbeitet er als Ergotherapeut an der Psychiatrie in Freiburg und ist Herausgeber des Text-, Poesie und Bildbandes “In Uns und Außen – Menschen in der Psychiatrie schreiben und gestalten”. Nicht selten wünscht er sich im Haus eine Tür, auf deren Schwelle er sich duplizieren würde: das zurückbleibende Ich würde sich den Mußen und Pflichten des Alltags hingeben und das hindurchschreitende einzig und allein dem Lesen und Schreiben. Ein sehnsuchtsvoller Gedanke.

Matthias Wagner

Heißer Sommer

Auch wenn Timm mit den Jahren viele Bücher geschrieben hat, die reifer und literarisch wertvoller sind – wie Freitisch, seine neueste, sehr gute Novelle, die derzeit auf meinem Lesetisch liegt – wähle ich dieses, es ist sein erster Roman. “Für mich, der damals draußen stand, ist “Heißer Sommer” eines der wichtigsten Bücher.” sagt Alfred Andersch. Für mich, der ich diese Zeit erst um Jahre später bewusst nachvollzog, war dieses Buch ein guter, erster Wegbegleiter hinein ins Verstehen(Wollen) der 68iger, und es war ein Einstieg in die Timmsche Literaturwelt, die sich mir bis heute mit zahlreichen Büchern ausgebreitet hat. Ja, ich könnte mich dazu hinreissen lassen, ihn als meinen Lieblingsautor zu bezeichnen.

Schon damals beim Entdecken von Timm, mochte ich seinen Stil, der die Leser mit assoziativem Ton, unvermittelten Blenden und wörtlichen Reden ohne Anführungszeichen zum wirklichen Dabeisein-Wollen auffordert; will man das nicht, tut man sich sicher schwer mit Timms Büchern, auch mit Heißer Sommer. Seine Geschichten sind ein sich näherndes Kreisen um das gewählte Thema, manches Mal ist es fast, als würde man an den Recherchen zum Buch teilnehmen, manches Mal glaubt man, der Protagonist sei Timm selbst. Man begleitet den Autor auf einer Suche, meist nach realhistorischen, deutschen Begebenheiten, und am Ende hat er ein ansprechendes und anspruchsvolles Buch geschrieben und wir waren dabei.

Autor: Uwe Timm

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Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher

Als ich seinerzeit im Laden vom Freiburger Zweitausendeins stand, griff ich zu: da stand der 8-bändige Schober vom Aufbau-Taschenbuchverlag mit Victor Klemperers Tagebuchwerken von 1933-45. Schon lange waren die Tagebücher auf meiner Liste und gerade in dieser Zeit lief auch die Filmreihe Klemperer – Ein Leben in Deutschland von Kai Wessel im Fernsehen, eine 12teilige, sehr gute Verfilmung mit den wunderbaren Hauptdarstellern Matthias Habich und Dagmar Manzel.

Eines dieser Tagebücher liegt immer auf meinem Lesetisch, immer wieder blättere ich darin, lese einige Passagen oder auch gefesselt einen ganzen Jahrgang. Klemperes Aufzeichnungen sind ein intensives Zeugnis aus jener Zeit, man bekommt einen detailreichen, sehr persönlichen Einblick in diesen Lebensauschnitt eines jüdischen Gelehrten, der an der Uni Dresden am Lehrstuhl für Romanistik dozierte und diesen wie all die anderen jüdischen Professoren aufgrund der repressiven Verordnungen aufgeben musste. Nicht viel später waren er und sein Frau zudem gezwungen, das eigene Haus verlassen. Sie (über)lebten die kommenden Jahre in verschiedenen Judenhäusern, nur leicht verletzt blieben sie verschont von den Bombenangriffen Anfang ’45 und entgingen schließlich auch der Deportation.

Man ist nah dabei, wie er zusammen mit seiner Frau den täglich sich steigernden Drangsalierungen des Nazi-Regimes ausgesetzt ist, wie sie sich mit den kaum vorstellbaren Verschiebungen des Alltags zu arrangieren versuchen, wie die Hoffnung auf einen Krieg und das baldige Ende der Hitlerherrschaft ihn nährt, wie er mit der zunehmenden Angst umgeht, wie er jammert (fast hypchondrisch über stetige Angina-Pectoris-Attacken), wie er seiner oft kranken Frau aus immer seltener werdenden Büchern bis tief in die Nacht vorliest, wie er auch in den Tagebüchern Notizen macht für eine spätere Herausgabe zur Sprache des Dritten Reiches, der LTI – Lingua Tertii Imperii, wie er das Essen von Kartoffeln satt hat und sie doch zum Überleben braucht, so wie auch sein Schreiben über die Geschehnisse im Kleinen wie im Großen überlebensnotwendig ist. Erfolgreich verbirgt Victor Klemperer seine Aufzeichnungen bei einer Freundin und erst Jahre nach seinem Tod werden diese Tagebücher 1995 veröffentlicht.

Autor:  Victor Klemperer

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Der alte Patagonien Express

Wieder, wie alle hier vorgestellten, ein Buch, das schon vor Jahrzehnten geschrieben wurde. Lange bevor ich mit dem Rad selbst einige Monate durch Patagonien fuhr, hatte ich dieses mächtige Reisebuch von Paul Theroux entdeckt und verschlungen. Seitdem steht es mit abgegriffenem Cover immer zugänglich neben seinem anderen Reisewälzer Die glücklichen Inseln Ozeaniens und den Büchern von Bruce Chatwin.

Klappentext: Monatelang reist Paul Theroux allein südwärts, Luxuszüge und schmuddelige Lokalbahnen bringen ihn fort aus dem verschneiten Boston bis zur Endstation Esquel im mythenumwobenen Hochland Argentiniens. Sein Weg führt ihn durch die USA und Mexiko, er trifft Fußballrowdys in El Salvador und amerikanische Aussteiger in Costa Rica, setzt über den Panamakanal, spricht mit Straßenkindern in Kolumbien, teilt sich ein Hotelzimmer mit Ratten in Ecuador, wird höhenkrank in Peru, verletzt sich in Bolivien und liest nächtens in Buenos Aires dem greisen, blinden Jorge Luis Borges Gedichte vor – für Theroux, einen der wohl bedeutendsten Reiseschriftsteller unserer Zeit, ist der Weg das Ziel…

Es ist kurzweilig, lehrreich und unterhaltsam wie Theroux schreibt, oft von entlegenen Winkeln, die er während der Bahnhofsaufenthalte auf seiner Reiseroute aufsucht, oder direkt aus dem Zugabteil über Menschen und Gespräche, die sich auftun in den Zügen. Theroux kann charmant aber auch sehr bissig sein, wirkt immer authentisch weil er sehr subjektiv seine eigene Sicht auf die Menschen und Dinge, die ihm begegnen, beschreibt, und auch sein Heimweh und die Sehnsucht nach Frau und Kindern finden ihren Platz.

Autoren: Paul Theroux.

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Allerseelen

Man sagt: der Roman über das wiedervereinigte Berlin.
Hier müsste ich scheitern mit dem Versuch, dieses Buch kurz, prägnant und sinnhaft zu rezensieren oder auch nur den Inhalt kurz zusammenzufassen, ohne heftigst und ziemlich neidisch zu plagiieren. Allerseelen ist sehr komplex in den betrachtenden, philosophierenden und episodischen Schichten und lässt Raum für allerlei Interpretationsmöglichkeiten. Ich habe jetzt nochmals geblättert in Allerseelen, bin an einigen, mir damals schon eindrücklichen Passagen hängen geblieben, erinnerte mich daran, wie ich den Roman einige Tage bei mir hatte, ihn überall in freien Momenten las, mir auch hin und wieder Notizen machte (die längst nicht mehr existieren) und wie ich eingenommen war von der sehr geistreichen und dichten Komposition. Die schöne Taschenbuchausgabe von Suhrkamp liegt bei mir schon seit dem Kauf vor vielen Jahren immer sichtbar oben auf.

Autor: Cees Noteboom

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Naokos Lächeln

Dieses Buch war die Einstiegsdroge in die Murakami-Welt. Danach las ich ziemlich zügig seine Vorgänger und das meiste, was danach noch kam. Auch wenn ich sein letztes Opus 1Q84 ziemlich abgedreht fand, überbordet und überzogen, sein mit Abstand schlechtestes Werk, hat mich doch selten ein Autor über viele Bücher hinweg so gefesselt wie Murakami. Nicht, weil er literarisch hochwertig ist, wird er doch mancherorts als Richard Clayderman der japanischen Literaturszene gescholten, sondern weil er seine Protagonisten lakonisch, schnörkellos und oft mit Melancholie durchtränkt auf einem Weg der Verrückungen weg von der uns zugänglichen Realität begleitet. Realistische Absurditäten, vieldeutige Bilder, philosophische Blicke in fantastische Innenwelten sind Murakamis Markenzeichen. All das hatte bisher eine starke Sogwirkung auf mich. Murakami zu lesen wirkt selbst tröstlich auf Leute, die noch gar nicht traurig sind, vielleicht ist das Murakamis Geheimnis, schreibt die Zeit. Naokos Lächeln ist ein sehr schönes und ein sehr trauriges Buch, das auch von einer geheimnisvollen, melancholischen Atmospäre durchzogen wird, nicht aber von den typisch murakami-mystischen Elementen anderer Werke. Die Quintessenz des Buches: Sehnsucht, Scheitern und die bedürftige Nähe zum Leben, das Suchen nach einem adäquaten Umgang mit Verlust, Trauer und der Liebe.

Autor: Haruki Murakami.

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