162. Fünf Bücher von André Krüger

André Krüger trinkt Kaffee, schreibt ins Internet und liest gern Thomas Bernhard. Am liebsten stellte er an dieser Stelle auch noch „Frost“, „Ja“, „Wittgensteins Neffe“, „Das Kalkwerk“, „Die Billigesser“, „Korrektur, „Alte Meister“ usw. vor. Nur dann hätte sich “Fünf Bücher” umbenennen müssen. Er mag auch Lyrik. Trotz aller Thomas-Bernhard-Verehrung zieht er hier allerdings Friederike Mayröcker und Rolf Dieter Brinkmann vor. Sollte er jemals seinen ersten Roman beginnen, wird er vermutlich, genau wie die meisten Bernhards Protagonisten, bereits am ersten Satz scheitern. Beruflich verdingt sich André Krüger als freier Berater für digitale Kommunikation und lebt in zumeist Hamburg oder Berlin.

André Krüger

Holzfällen

Seit fast 20 Jahren besuche ich ein Café, von dem irgendjemand an einer mir nicht mehr erinnerlichen Stelle schrieb, es sei ein Ort für Thomas-Bernhard-Leser. Noch bevor ich überhaupt die erste Bernhardzeile las, war ich gewiss, dass es was werden würde mit der Lektüre, ja vielmehr, dass er, Bernhard, so etwas wie mein Lieblingsautor werden könnte. Der Ich-Erzähler beschreibt ein sogenanntes „künstlerisches Abendessen“ in der Wiener Gesellschaft. Aus einer gewissen Distanz, in einem Ohrensessel sitzend, schildert der Erzähler den Verlauf des Abends und steigert sich immer mehr hinein in seinen Hass auf die Anwesenden: Sängerin, Komponist, Schauspieler etc. Über 300 Seiten Gesellschafts- und Kunstbetriebsverachtung, naturgemäß ohne Absätze und Kapitelgliederungen, aber voller Rhythmus und Melodie. Bei der Veröffentlichung des Romans gab es einen Skandal, da sich die handelnden Personen wiedererkannten. Kein Wunder, denn so grotesk kann nur die Wirklichkeit sein. „Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen.“ Die Fortsetzung spielte heute sicher in Berlin-Mitte.

Autor: Thomas Bernhard

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Der Untergeher

Während ich in einem Großraumbüro sitze, einen leeren Bildschirm anstarre und auf den kreativen Durchbruch warte, höre ich oft Bachs Goldberg-Variationen. Am liebsten in der Interpretation von Glenn Gould. Er war ein Freak, wie er da mit gekrümmten Rücken auf dem viel zu kleinen Hocker vor seinem mächtigen Steinway-Flügel saß, dabei immer mitsummend und die Finger seiner jeweils vom Klavierspiel nicht in Anspruch genommen nach oben geöffneten Hand gen Himmel streckte. Er schrieb kluge Essays, in denen er u.a. für das applauslose Konzert plädierte, gab aber in seinen letzten zehn Jahren seines Lebens überhaupt keine konzertanten Aufführungen mehr. Und er wurde zur Romanfigur. Realität und Fiktion vermischen sich. Glenn Gould sowie Wertheimer und der Ich-Erzähler studieren zeitgleich bei Horowitz am Salzburger Mozarteum. Angesichts des Genies Goulds geben Wertheimer und der Erzähler das Klavierspiel auf. Wertheimer geht dem Müßiggang nach und bringt sich schließlich um, während der Erzähler bei dem Versuch, eine Abhandlung über Glenn Gould zu verfassen, scheitert, wie überhaupt immer alle Bernhard-Protagonisten niemals das von ihnen geplante Werk vollenden. „Jeder von uns scheitert aus dem entgegengesetzten Grund, sagte Wertheimer, dachte ich. Ich hatte nichts zu beweisen, nur alles zu verlieren, sagte er, dachte ich.“ Es geht um den Drang zur Perfektion, den Wahnsinn, das Scheitern und den Tod. Wir werden alle untergehen. Bis dahin hören wir Glenn Gould.

Autor: Thomas Bernhard

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Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen

Und irgendwie muss das Werk Thomas Bernhards doch heraus aus verstaubten Bibliotheken und lärmenden Kaffeehäusern, weil wir in den Theatern ja nicht immerzu nur nackte schreiende Menschen vor kargem Bühnenbild sehen wollen, die Stücke über Naturwissenschaften aufführen. Die drei in einem schmalen Büchlein vereinigten Dramolette „Claus Peymann verlässt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien“, „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ und „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“ sind die einzigen Stücke Bernhards, die ich je auf der Bühne gesehen habe. Intendant Claus Peymann, seine Sekretärin Fräulein Schneider, Dramaturg Hermann Beil und Autor Thomas Bernhard sind die real-existierenden Protagonisten, die in den kurzen Einaktern erfundenen Handlungen nachgehen. Während sie zumeist mit Banalitäten beschäftigt sind, treffen sie weichenstellende berufliche Entscheidungen. Mit viel Humor blickt Bernhard auf den Theaterwahnsinn und auf sich selbst.

Autor: Thomas Bernhard

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Gehen

„Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinauf gekommen ist.“ Mit einem starken Bernhardeinstieg beginnt die weniger als nur hundert Seiten umfassende Erzählung. Sie dreht sich ums Gehen und Denken, Geisteskrankheit und die Unerträglichkeit der Existenz. „So wird uns jeder Tag zur Hölle, ob wir wollen oder nicht, und was wir denken, wird, wenn wir es überdenken, wenn wir dazu die erforderliche Geisteskälte und Geistesschärfe haben, in jedem Falle immer zu etwas Gemeinem und Niedrigem und Überflüssigem, was uns lebenslang auf die erschütterndste Weise deprimiert.“ Bernhard beschreibt das Leben als das, was es ist: ein einziger Verschlimmerungsprozess. Das Gehen an sich mag ich trotzdem.

Autor: Thomas Bernhard

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Auslöschung

Das mir vertraute Buch lag auf ihrem Nachttisch. Wenn sie Thomas Bernhard liest, kann sie nicht so verkehrt sein, dachte ich. Immer wenn sie gerade einmal nicht zugegen war, griff ich reflexhaft nach der zwar recht neuen, aber dennoch deutliche Gebrauchsspuren aufweisenden Taschenbuchausgabe. Der Privatgelehrte Murau erhält ein Telegramm, das ihn über den Unfalltod seiner Eltern und seines Bruders unterrichtet. Anlässlich der Beerdigung sucht Murau nach langer Abwesenheit den Ort seiner Jugend, Schloss Wolfsegg, auf. Dort trifft er auf provinzielle Kleingeistigkeit und seine verhasste Familie. Mit Hilfe der Niederschrift seiner Erinnerungen will Murau versuchen, seine Erinnerungen an Wolfsegg auszulöschen. „Wir tragen alle ein Wolfsegg mit uns herum und haben den Willen, es auszulöschen zu unserer Errettung, es, indem wir es aufschreiben wollen, vernichten wollen, auszulöschen. Aber wir haben die meiste Zeit nicht die Kraft für eine solche Auslöschung.“ Auf über 600 Seiten fließt der Text rasant dahin. Vielleicht sollte man bei seiner Bernhard-Lektüre nicht unbedingt mit der Auslöschung beginnen. Leicht könnte man vom Sog des Erzählstroms davongerissen werden. Das wäre schade. Egal, an welcher Stelle ich das Buch aufschlug, das Lesen bereitete mir stets die allergrößte Freude. Leider ist die richtige Lektüre auf dem Nachttisch keine Garantie für irgendwas; auf jeden Fall aber ist sie besser als die falsche.

Autor: Thomas Bernhard

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Bild: Ailine Liefeld