Matthias Brömmelhaus

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Matthias Brömmelhaus schreibt beruflich und zum Vergnügen. Geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt im Münsterland, lebt und arbeitet er jetzt in Konstanz am Bodensee. Schon in der Schule schrieb er mit Begeisterung Aufsätze. Als Redakteur der Schülerzeitung zeichnete er für einige der bissigsten Satiren verantwortlich und auf der Uni versuchte er, den theoretischen Pamphleten wenigstens ein wenig Leben einzuhauchen. Fast wäre er schon direkt nach dem Examen zum Textprofi geworden, denn er verfasste ein historisches Sachbuch und textete Firmen- und Vereinschroniken. Kurz: Er haute in die Tasten – und das war damals noch wörtlich zu nehmen – für jeden, der ihn dafür bezahlte. Selbst als er später andere Wege ging und im Management von Tourismusregionen tätig war, schrieb er heimlich weiter – zum Verdruss der Werbeagenturen, die ihre Broschürentexte nicht mehr wiedererkannten. 2003 gründete er den Autobiografieservice und gehört damit zu den erfahrensten »persönlichen Biografen« im deutschsprachigen Raum, wobei ihm die englische Berufsbezeichnung »personal Historian« weit besser gefällt, was ins Deutsche übersetzt aber leider zu gestelzt klingt. Daneben konzipiert und schreibt er als »Ghostwriter« Sachbücher zu verschiedenen Themen. Über seine Arbeit und manches Andere, wozu hin und wieder auch Literaturtipps gehören, berichtet er in seinem Schreibtäterblog. Zudem ist er bekennender Skeptiker, Flaneur, Weltreisender, Espresso-, Single-Malt- und Weintrinker, Cocktailmixer, Vielleser, eBook-Fan, Bodenseeliebhaber …

Matthias Broemmelhaus

Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Von den Büchern meiner Kindheit begleitet mich »Timm Thaler« bis heute. Ich weiß nicht, wie oft ich es gelesen habe, aber jedes Mal entdeckte ich neue Facetten, denn wie jedes gute Kinderbuch ist es auch herausragende Erwachsenenliteratur. Es geht nicht nur um das »faustische« Thema vom Pakt mit dem Teufel, dem der arme Schlucker Timm sein Lachen verkauft, um Reichtum und Ansehen zu erlangen. Krüss wollte auch keinen klassischen Bildungsroman à la »David Copperfield« zu schreiben. Vielmehr verwebt er beide Elemente zu einer bis heute modernen Geschichte. Was ist wirklich wichtig im Leben? Was bedeutet Freundschaft? Macht Konsum glücklich? Krüss gibt seinen Lesern Antworten, wie alt sie auch sind.

Autor: James Krüss. Illustrator: Katrin Engelking.

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Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland.

Die meisten Romane, die im Deutschunterricht besprochen wurden, waren im wahrsten Sinne des Wortes Zwangslektüre. Man musste sie lesen – und vergaß sie wieder. Allenfalls eine Handvoll schaffte es in meinen persönlichen Literaturkanon, den ich im Laufe der Jahre immer wieder zur Hand nahm. »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers verschlang ich schon bei der ersten Lektüre. Das Buch eröffnete mir, dem politisch soeben erwachten und zornigen jungen Menschen, einen neuen Blick auf die NS-Vergangenheit. Präzise schildert Seghers den Alltag in der Diktatur, die Deformation der Menschen und die Entsolidarisierung der Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selbst der Nächste ist. Die Handlung des Romans spielt 1937. Sieben Häftlinge fliehen aus einem Konzentrationslager. Sechs werden im Laufe der nächsten sieben Tage getötet oder gefangen genommen. Die Opfer stellt der KZ-Kommandant an extra errichteten Kreuzen zur Schau. Lediglich dem Protagonisten Georg Heisler gelingt mit Hilfe von Freunden aber auch fremden Zufallsbekanntschaften die Flucht ins Ausland. Sein Kreuz bleibt leer und wird damit zum Symbol für eine andere, friedliche und solidarische Gesellschaft. »Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.«

Autorin: Anna Seghers

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Der talentierte Mr. Ripley

Patricia Highsmith erschuf mit Tom Ripley den amoralischen Helden schlichtweg. Erst 25 Jahre alt, erwartet dieser kleine Gauner nichts mehr vom Leben, als er plötzlich eine neue Chance bekommt. Er soll in Europa den Sohn eines reichen amerikanischen Reeders ausfindig machen und zur Rückkehr bewegen. Tom findet diesen Dickie Greanleaf in einem süditalienischen Dorf, wo er sich gemeinsam mit seiner Freundin Marge dem dolce far niente hingibt. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine von Marge mit Argwohn beobachtete Freundschaft, denn sie vermutet in Tom einen Homosexuellen. Der genießt derweil das Leben an der Seite seines neuen, reichen Freundes. Als Dickie sich von ihm abwendet, droht Toms Hoffnung auf ein besseres Leben zu zerplatzen. Er ermordet Dickie und nimmt seine Identität an. Es beginnt ein Katz und Maus Spiel mit der Polizei, Dickies Vater und Freunden. Schlussendlich bleibt Tom nichts anderes übrig, als einen weiteren Mord zu begehen, um nicht aufzufliegen. Für mich ist Patricia Highsmith bis heute die Königin des »Suspense«. Sie leuchtet ihren Helden bis in den letzten Winkel seiner Seele aus und treibt uns Leser dazu, diesen Widerling zu mögen, mit ihm zu fiebern, ihm zu verfallen. Wer wissen will, was Kriminalliteratur abseits des Whodunnit-Mainstreams sein kann, wird in allen Romanen »der Highsmith« fündig. Der »erste Ripley« ist und bleibt aber ihr Meisterwerk.

Autorin: Patricia Highsmith. Übersetzerin: Melanie Walz.

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Die Kinder von Torremolinos

Gibt es DAS BUCH meiner Generation? Ich weiß es nicht, aber »The drifters« (der deutsche Titel ist seltsam unpassend) käme in die engere Wahl. Joe, Britta, Monica, Cato, Jigal und Gretchen – die Helden in Micheners Roman – tun das, wovon wir alle träumten und was uns Sommer für Sommer mit dem Interrail-Ticket in der Tasche in heillos überfüllte Züge nach Süden trieb. Ausbrechen aus der Enge unserer kleinen Stadt, aus dem bürgerlichen Mief unserer Familien. Unterwegs die Freiheit finden. Sich mit den anderen ausprobieren. Musik. Politik. Liebe. Sex. Drogen. Nicht träumen – leben! Ich las das Buch wie im Rausch. Ich las es so oft, dass die Taschenbuchausgabe auseinander fiel. Viele Jahre später reiste ich einmal nach Torremolinos und war entsetzt von dieser Touristen-Retortenstadt. Die Welt hatte sich verändert und ich mit ihr. Der Traum aber blieb. Ich kaufte mir vor ein paar Jahren ein neues Exemplar und sofort stellte sich das Gefühl von damals wieder ein, trotz mancher literarischer Schwächen, eindeutiger Klischees und dramaturgischer Unzulänglichkeiten. Wer heute wissen will, wie die Jugend in den 70-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts tickte, was sie umtrieb, wonach sie sich sehnte, der lese diesen Roman.

Autor: James A. Michener

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Der Nazi & der Friseur

Darf man eine Satire über die Shoah schreiben? Darf man in einer Groteske einen Täter, einen Massenmörder aus der Ich-Perspektive erzählen lassen? Man darf, wenn man ein großartiger Schriftsteller wie Edgar Hilsenrath ist. Und muss trotzdem mit einem Aufschrei in den Medien rechnen. Noch vor ein paar Jahren ging es Jonathan Littells »Wohlgesinnten« so. Anfang der siebziger Jahre sorgte Hilsenrath für einen weit größeren Skandal. »Der Nazi und der Friseur« erschien 1971 zunächst in englischer Übersetzung in den USA. Kein deutscher Verlag hatte sich an den Stoff getraut, es nutzte auch nichts, dass Hilsenrath Jude ist. Es war ja auch skandalös, was der Autor den Lesern zumutete. Ein Schelmenroman über Opfer und Täter, grotesk und bizarr. Max Schulz, »unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz«, lebt in einer Kleinstadt und lernt dort das Friseurhandwerk im Salon seines besten Freundes, des Juden Itzig Finkelstein. Schulz schließt sich der SS an, wird KZ-Aufseher und Massenmörder. Unter seinen unzähligen Opfern ist auch die Familie Finkelstein. Nach der Befreiung des Lagers gelingt ihm die Flucht mit einem Karton voller Zahngold seiner Opfer. Er nimmt die Identität Itzig Finkelsteins an, scheitert nach einigen Erfolgen auf dem Schwarzmarkt an den antisemitischen Ressentiments der Kaufmannschaft, wandert nach Palästina aus, eröffnet dort einen Friseursalon, kämpft in der israelischen Armee und ist schlussendlich ein angesehenes Mitglied des neuen Staates Israel. Das Buch ist ein atemberaubender Parforceritt, bei dem einem das Lachen mehr als ein Mal im Halse stecken bleibt. Bis heute hat es kein zweiter Autor gewagt, so radikal über die Obszönität des Rassismus und Faschismus zu schreiben. Ein grandioses Buch.

Autor: Edgar Hilsenrath

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