85. Fünf Bücher von Jürgen Neubauer

Manchmal fühlt sich der Übersetzer Jürgen Neubauer (Blog) wie der Protagonist einer Geschichte von Somerset Maugham, der sich seine Bücher in großen Schrankkoffern auf eine Südseeinsel nachschicken lässt und seine Bambushütte von oben bis unten damit vollstellt. Immer wenn Jürgen umzieht – und er zieht oft um –, lässt er sich einige seiner Bücher nachschicken, doch ehe alle angekommen sind, zieht er schon wieder weiter. Auf seinem Weg kauft er immer neue Bücher, die er in Kisten und Koffern zurücklässt, vielleicht in der Hoffnung, dass sie ihm eines Tages nachgeschickt werden, vielleicht aber auch, um nicht von ihnen erdrückt zu werden. Auf einige Klassiker möchte er allerdings nicht verzichten, darunter diese fünf Bücher von Reisenden und über das Reisen:

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The Songlines

Der vielleicht ungewöhnlichste Teil dieses ungewöhnlichen Buchs über die mythischen Wanderungen der australischen Aboriginals ist ein knapp fünfzig Seiten langer Exkurs, in dem der englische Reiseschriftsteller Bruce Chatwin seine Notizbücher aufklappt und Aufzeichnungen über das Nomadendasein hervorkramt. Das Ergebnis ist ein Poesiealbum der selbstgewählten Nichtsesshaftigkeit mit Zitaten von Rimbaud, Burton, Kierkegaard oder Herodot und Anekdoten zu Nomaden in Mauretanien, Iran und Mesopotamien. Dort findet sich auch dieser trostreiche Satz von Anatole France: “Es ist gut, Dinge zu sammeln. Aber es ist besser, spazierenzugehen.”

Autor: Bruce Chatwin. Deutsche Ausgabe übersetzt von Anna Kamp.

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Photocopies

Auch der englische Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger ist ein Wanderer, der heute in einem Dorf in den Pyrenäen lebt. In der ersten Geschichte dieser Sammlung erhält er Besuch von einer Fotografin, die zum Abschied eine Lochkamera hervorholt und ein Foto von beiden unter einem Pflaumenbaum macht. Als sie ihm später einen Abzug schickt, erkennt er darauf nur zwei geisterhafte Schemen, die vor einem Baum schweben. Wie dieses Foto sind Bergers Geschichten Momentaufnahmen aus einem flüchtigen Dasein, die paradoxerweise die Tiefe des menschlichen Lebens ausleuchten. Ein stilles und weises Buch, wie so viele von John Berger.

Autor: John Berger. Deutsche Ausgabe übersetzt von Jörg Trobitius.

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Under the Volcano

Malcolm Lowrys Trinkerklassiker über den britischen Konsul Geoffrey Firmin, der am Día de los Muertos zur Hölle fährt, habe ich Anfang der neunziger Jahre in der Londoner Buchhandlung Foyles gekauft, in der ich damals gearbeitet habe, und ihn zwei Jahrzehnte lang mit mir herumgeschleppt, ehe ich ihn schließlich in Mexiko aufgeschlagen und auf einen Sitz verschlungen habe. Ein Delirium. Allein die Beschreibung einer Busfahrt des sturzbesoffenen Konsul und seiner Begegnung mit einem sterbenden Indio gehören zum Größten, was ich je gelesen habe.

Autor: Malcolm Lowry. Deutsche Ausgabe übersetzt von Clemens ten Holder.

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The Dharma Bums

Der andere Road-Roman von Jack Kerouac führt zwar auch über Straßen und Schienen durch die Vereinigten Staaten und Mexiko, vor allem aber über steinige Fußwege durch unerforschte Innenräume. Zwischen Beat und Buddhismus besteigt Kerouacs Protagonist und Alter Ego Ray Smith immer neue Gipfel der Erkenntnis. Am vorläufigen Ende der Reise auf einem einsamen Berg in den Rocky Mountains steht, Buddha sei Dank, nicht die Erleuchtung, sondern nur der nächste Schritt auf dem Weg.

Autor: Jack Kerouac. Deutsche Ausgabe übersetzt von Werner Burckhardt.

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Tinísima

Die Geschichte der italienischen Schauspielerin, Fotografin, Übersetzerin und Revolutionärin Tina Modotti habe ich erst in Mexiko kennengelernt. Elena Poniatowskas biografischer Roman beginnt 1929 mit der Ermordung eines ihrer Geliebten, des kubanischen Kommunisten Julio Antonio Mella, in Mexiko-Stadt und endet mit ihrer eigenen vermeintlichen Ermordung dreizehn Jahre später durch einen neuen Geliebten, einen stalinistischen Agenten. Dazwischen liegt eine faszinierende Irrfahrt von Mexiko durch die Sowjetunion, den Spanischen Bürgerkrieg und zurück nach Mexiko, sowie Begegnungen (und Liebschaften) mit schillernden Zeitgenossen wie dem amerikanischen Fotografen Edward Weston oder den mexikanischen Malern Frida Kahlo und Diego Rivera.

Autorin: Elena Poniatowska. Übersetzerin: Katherine Silver. Deutsche Ausgabe übersetzt von Christiane Barckhausen-Canale.

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