Peter Breuer

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Peter Breuer ist Werbetexter in Hamburg und berufsbedingt neugierig. Mit SZ in der Badewanne folgt dem kurzen Feuilleton-Medley der Tiefenblick in die Welt seltener Pilzsporen und die sportliche Entwicklung eigenartiger Randsportarten. Natürlich kann er sich nur Bruchstücke dieses Kaleidoskops merken. Diese wahllose Art der Informationsaufnahme für den eigenen gedanklichen Humus ist das Gegenstück zum Lesen von Romanen, in denen er sich nur zu gerne von der totalen Illusion gefangen nehmen lässt. Dann mag er es nicht geschnitten, sondern am Stück und gerne bis morgens früh.

Peter Breuer

Ich heiße Aram

Meine Ausgabe, ein vergilbtes Fischer Taschenbuch von 1954, habe ich als Kind aus dem Bücherschrank meines Vaters gestohlen. (Und ihm erst vor ein paar Jahren ein gebundenes Exemplar zurückgeschenkt.) Es sind 14 Kurzgeschichten, in denen William Saroyan sein Alter Ego, den armenischen Einwanderersohn Aram Garoghlanian, begleitet. Vor der Kulisse des kalifornischen Fresno schildert er den Frontalaufprall des armenischen Clans voller wunderlicher Onkel und Cousins auf das westlichste Stück des Westens. Leicht und voller Tiefe erzählt Saroyan Geschichten wie die von Arams Onkel Melik, der seinen Traum von einer Granatapfelfarm in einem wertlosen Stück Wüste realisieren möchte. Melik ist in seiner Begeisterung so hoffnungslos optimistisch wie alle Figuren dieses Buchs und schlägt alle Argumente gegen die Dürre in den Wind: „Es kommt darauf an, den Anfang zu machen“.

Autor: William Saroyan

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Hoffmans Hunger

Nur vordergründig erzählt Leon de Winter eine Spionagegeschichte im Prag des Umbruchjahres 1989. Drei Figuren treten in zunächst verschiedenen Erzählsträngen an, die sich aber rasant ineinander verweben: Ein verfressener amerikanischer Geschäftsmann, ein US-Geheimdienstler und der niederländische Botschafter Felix Hoffmann, der gerade hier in Prag die vermutlich letzte Station seiner diplomatischen Laufbahn angetreten hat. Die drei sind verbunden durch ihre Beteiligung bzw. Zeugenschaft einer Geheimdienstaktion, aber dieser Plot ist es nicht, der dieses Buch so lesenswert macht. Es ist die Figur des Felix Hoffmann, seine Gebrochenheit, seine verstörende zwanzigjährige Schlaflosigkeit und hypertrophe Genusssucht, mit der er seine Trauer betäubt. Parallel zu seiner nächtlichen Spinoza-Lektüre, die ihn zwischen fehlendem Heilsplan und tiefer Moralität taumeln lässt, enthüllt sich vor dem Leser nach und nach die Vergangenheit, die ihn zu einem schlaflosen Mann werden ließ.

Autor: Leon de Winter

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Der Mann, der den Zügen nachsah

Es ist fast unmöglich, meine Vorliebe für Georges Simenon an einem einzigen Buch festzumachen. Also kann ich von den vielen Simenons, die im Regal stehen, ebenso gut das herausgreifen, das einen geradezu archetypischen Titel trägt. Kees Popinga ist durch Manipulationen seines Arbeitgebers nicht nur seinen Job los, sondern auch sein Erspartes. Sein bisher durch Konventionen gebremster Freiheitsdrang führt ihn zum Bahnhof, nach Amsterdam und in die Position eines von der Polizei Gesuchten. Fast immer sind die Hauptfiguren von Simenons Romanen – ob mit oder ohne Beteiligung von Kommissar Maigret – Menschen, deren bisheriges Leben im Mark erschüttert wird. Die existentielle Odyssee, die nun kommt, stellt aber oft auch das Scheingefüge, das so sicher schien, komplett in Frage.

Autor: Georges Simenon. Übersetzerin: Linde Birk.

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Der Fänger im Roggen

Die Geschichte des 16jährigen Holden Caulfield habe ich gleichaltrig gelesen, aber auch zehn, zwanzig und fast dreißig Jahre älter. Und jedes Mal war es ein komplett neues Buch. Ich konnte ihn verstehen, seinen Hass auf die Verlogenheit der Erwachsenenwelt, ich konnte später verstehen, dass ich ihn mal verstanden habe und ich habe ihn plötzlich wieder mit gleicher Wucht gefühlt. Ich habe ihn auf Englisch gelesen, als ich es noch gut genug konnte, die deutsche Übersetzung verflucht und die Neuübersetzung für noch blöder befunden. Die Enten im Central Park habe ich nach ihren Überwinterungsmöglichkeiten befragt und in der Radio City Music Hall gestanden und mir eingebildet, Holden Caulfield sei noch in der Stadt. So einen Fan-Unsinn hat bei mir bisher nur dieses Buch ausgelöst.

Autor: J.D. Salinger. Übersetzerin: Eike Schönfeld.

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Alles kurz und klein

In den 1980er Jahren erstand ich in einem Antiquariat einen signierten Handpressendruck mit Gedichten von Uli Becker für gerade mal drei Mark. Lyrische Filmsequenzen im Miniaturformat, mit nahtlos fließenden Übergängen. Nur weil ich dieses Buch besaß, wurde ich ein paar Jahre später auf den Gedichtband „Alles kurz und klein“ aufmerksam: 131 Seiten voller „Ich erinnere mich…“-Sequenzen, teilweise brüllend komisch und ohne jede Dopplung. Lauter Anekdoten, die in ihrer prallen Abfolge gar nicht mehr anekdotisch sind, sondern wie kristallklare Ausschnitte aus dem nie geschriebenen perfekten Generationenroman.

Autor: Uli Becker

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